Berlin (ADN). Auf Einladung von Konsistorialpräsident Manfred Stolpe fand am Sonntagnachmittag in Berlin ein Gespräch zwischen Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, 1. Sekretär der Bezirksleitung Berlin, Oberbürgermeister Erhard Krack, Mitglied des ZK der SED, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin (West), Walter Momper, Vorsitzender der SPD von Berlin (West), dem Chef der Staatskanzlei des Senats, Prof. Dr. Dieter Schröder, und dem Generalsuperintendenten der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg, Dr. Günter Krusche, statt.
Der Regierende Bürgermeister wurde von Günter Schabowski informiert über die von der 9. Tagung des ZK der SED eingeleitete Wende in der Politik der SED, über den Kurs der Erneuerung und des Dialogs, um den Sozialismus in der DDR zu starken und attraktiver zu gestalten. Im Verlaufe des Gesprächs wurden aktuelle Fragen der Beziehungen DDR- Berlin (West) erörtert. Walter Momper bat, dem Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Egon Krenz, Grüße und Erfolgswünsche zu übermitteln. Er drückte sein Interesse an einer möglichst baldigen Begegnung mit Egon Krenz aus.
Wie aus der Umgebung von Walter Momper verlautete, ist er im Laufe des Tages auch mit Vertretern des "Neuen Forum" und anderer Gruppierungen zusammengetroffen. Mach dem Gespräch in einer Privatwohnung hieß es, es sei über die allgemeine Situation diskutiert und dabei unter anderem das Problem der Ausreise im Zusammenhang mit den Veränderungen in der DDR erörtert worden. An diesem Treffen habe ebenso wie an einer Begegnung - mit Bischof Gottfried Forck der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Horst Ehmke, teilgenommen.
(Neues Deutschland, Mo. 30.10.1989)
Günter Schabowski unterrichtete Walter Momper darüber, dass an einem neuen Reisegesetz gearbeitet wird. Walter Momper sagte zu Günter Schabowski: "Viele Menschen wollen gar nicht ständig ausreisen. Die wollen doch nur zum Ku`damm, den Westen sehen können. Wenn Sie wirklich Reisefreiheit einführen, wird das ein großer Beitrag zur Stabilität sein".
Jeder DDR-Bürger soll einen Pass bekommen, und er wird einen Rechtsanspruch haben, mit diesem pass reisen zu können. Es ist klar, dass wir die Leute nicht mit Devisen ausstatten können. Und denen, die für immer ausreisen zu wollen, werden wir keine Hindernisse in den Weg legen. Auf Westberliner Seite wird mit täglich einer halben Million Besucher gerechnet. Neue Grenzübergänge werden benötigt. Günter Schabowski weist darauf hin, erst zwei Millionen DDR-Bürger haben einen Pass und bis diese ein Visum bekommen würde einige Zeit vergehen.
In seinem Buch schreibt Walter Momper, dass wir in der ersten Zeit mit 300 000 bis 500 000 Besuchern pro Tag rechnen müssten. Es sollte aber öffentlich von nur 300 000 zu erwartenden Besuchern gesprochen werden, um keine Verunsicherung aufkommen zu lassen. Wahrscheinlich würden viele DDR-Bürger für immer im Westen bleiben wollen.
Auf Westberliner Seite wird zusammen mit der Berliner Morgenpost eine Sonderbeilage mit Stadtplan, Plan der BVG, Öffnungszeiten der Museen, Notfallnummern usw. mit einer Auflage von 250 000 geplant.
Vom Bankenverband kommt die Zusage im Bedarfsfall zur Auszahlung des Begrüßungsgeldes auch Samstag/Sonntag zu öffnen.
Zuvor traf Hans Büchler, Horst Ehmke und Walter Momper in Bärbel Bohleys Atelier mit Oppositionellen zu einem Gespräch.