Dresden. DDR-Ministerpräsident Dr. Hans Modrow und BRD-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl haben am Dienstes in Dresden ihr weltweit mit großem Interesse verfolgtes deutsch-deutsches Spitzengespräch gerührt. Auf einer internationalen Pressekonferenz gaben beide Regierungschefs Erklärungen über die Ergebnisse des Treffens ab. Übereinstimmend bewerteten sie ihre Gespräche als intensiv und ertragreich. Sie betonten, die Begegnung sei von der ganz besonderen Verantwortung geprägt gewesen, in die beide deutschen Staaten in dieser Zeit gestellt sind.
Es liege in der Verantwortung der Deutschen, den europäischen Völkern am Ende des Jahrhunderts die Hoffnung auf Frieden und friedliche Zusammenarbeit zu stärken, erklärte Hans Modrow auf der Pressekonferenz. Die stabile Entwicklung in Mitteleuropa sei Voraussetzung für Stabilität in Europa, unterstrich Helmut Kohl. DDR und BRD seien eingebettet in den gesamteuropäischen Prozess. Wenn man die eigenen Interessen bedenke, müsse man auch die Sicherheitsinteressen der anderen bedenken.
In bestimmten Punkten habe man sich nach Darlegung der Standpunkte einander angenähert, stellten die Regierungschefs fest. Bei anderen sei man sich nach wie vor nicht einig. Bedeutsames Ergebnis des Dresdner Treffens ist die gemeinsame Absichtserklärung, die in der Regierungserklärung von Hans Modrow angebotene Vertragsgemeinschaft in intensiver Arbeit auszugestalten. Unverzüglich soll mit der Erarbeitung eines Vertrages über Zusammenarbeit und gute Nachbarschaft begonnen werden.
Die Gespräche des DDR-Ministerpräsidenten und des BRD- Bundeskanzlers über die weitere Entwicklung der Beziehungen sollen Ende Januar oder Anfang Februar 1990 in der BRD fortgesetzt werden.
Hans Modrow informierte auf der Pressekonferenz, dass der visafreie Reiseverkehr für die Bürger der BRD und Westberlins am 24. Dezember beginne. Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister von Berlin und dem Regierenden Bürgermeister von Berlin (West) solle dafür Sorge getragen werden, dass noch vor Weihnachten das Brandenburger Tor durch einen Fußgänger-Übergang geöffnet wird.
In seiner Erklärung vor den Journalisten äußerte der Bundeskanzler Bewunderung für die tiefgreifenden Veränderungen in der DDR, die friedlich verliefen.
Das bisher Erreichte und seine Fortsetzung würden aufs Spiel gesetzt, sagte er, wenn jetzt Ungeduld oder gar Radikalität eintreten würden.
Zu den Ergebnissen des Dresdner Treffens gehört auch der Abschluss einer Vereinbarung über die Bildung einer gemeinsamen Kommission zur weiteren Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen. Die Unterzeichner dieser Vereinbarung, BRD-Wirtschaftsminister Dr. Helmut Haussmann und DDR-Außenhandelsminister Dr. Gerhard Beil, teilten mit, eine Arbeitsgruppe Energie werde gebildet. Außerdem soll eine Fachgruppe Tourismus die Arbeit aufnehmen.
Noch im Januar wird es zu einem Treffen führender Großunternehmen der BRD mit Partnern in der DDR kommen, um weitere Joint ventures zu vereinbaren. Im Februar 1990 sollen führende kleine und mittlere Unternehmen der BRD mit Partnern und Dienststellen aus der DDR zu einer Beratung zusammenkommen. Minister Haussmann werde auf Einladung von Dr. Beil die Leipziger Frühjahrsmesse besuchen, die einen Rekordstand von Ausstellern der BRD auf über 20 000 Quadratmeter Fläche aufweisen wird. Mit diesen Vereinbarungen, mit dem Beginn der Regierungsverhandlungen über ein Investitionsschutzabkommen und der Eröffnung von Programmen für mittelständische Unternehmer und Unternehmen der Bundesrepublik in der DDR habe eine neue Phase der wirtschaftlichen Zusammenarbeit beider Staaten begonnen, schätzte Dr. Haussmann ein.
Kurt Nier, Stellvertreter des Ministers für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, und Dr. Franz Bertele, Leiter der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR, unterschrieben einen Kulturarbeitsplan DDR-BRD für 1990/91.
Der Minister für Arbeit und Sozialordnung der BRD, Norbert Blüm, und der Stellvertreter des Ministers für Arbeit und Löhne der DDR Ingolf Noack sprachen über aktuelle Fragen auf sozialstaatlichem Gebiet - Probleme der Beschäftigung, besonders im grenznahen Bereich, sowie der Alters- und Gesundheitsversorgung - wo in der neuen Situation Klärungsbedarf besteht. Detaillierte Verhandlungen sollen zu Jahresbeginn aufgenommen werden.
Bundeskanzler Kohl war Dienstag morgen mit einer Sondermaschine auf dem Flughafen Klotzsche gelandet und von Ministerpräsident Modrow willkommen geheißen worden. "In großer gegenseitiger Verantwortung werden wir unsere Gespräche führen", versicherte der Kanzler.
Danach stiegen beide Politiker in den mit den Standern beider deutschen Staaten versehenen Wagen und begaben sich auf die 20-Minuten-Fahrt zum Hotel "Bellevue". Zwiespältig und emotionsgeladen war die Begrüßung durch Tausende Dresdner Bürger. Forderungen nach Souveränität der DDR standen solchen nach "Vereinigung" gegenüber. Besonders vor dem Hotel, dem Ort der Gespräche, dominierten Losungen und Rufe nach dem praktischen Anschluss der DDR an die Bundesrepublik.
"Hautnah" umringt von Kameramännern, Fotografen und Reportern, bahnten sich die Regierungschefs ihren Weg durch das Gedränge. Die Gespräche begannen im Appartement "Ludwig Richter" unter vier Augen und wurden später im erweiterten Kreis im "Salon Meißen" weitergeführt.
Gefragter Gesprächspartner der Journalisten war im Hotelfoyer Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer, stellvertretender Parteivorsitzender der SED-PDS. Es sei der erwartete herzliche Empfang gewesen, sagte er. Besorgt stimme ihn aber, dass ein nicht - zu übersehender Teil der Bevölkerung - und das seien nicht nur Dresdner - sehr emotionsgeladen mit Vereinigungsforderungen auftrat, ohne zu bedenken, welche weitreichenden Konsequenzen diese Forderungen, haben, dass sie Angst bei den europäischen Nachbarn verbreiten würden. Der wünschenswerte Prozess der weiteren Annäherung und Zusammenarbeit beider Staaten müsse sich eingebettet in den gesamteuropäischen Integrationsprozess vollziehen.
Ansprache Kohls vor der Ruine der Frauenkirche
Am späten Nachmittag vor der Ruine der Frauenkirche. Tausende Dresdner erwarteten den Bundeskanzler an diesem Mahnmal der Zerstörung der Stadt und des Gedenkens an die mehr als 35 000 Toten des Bombenhagels vom 13. Februar 1945. Nachdem er ein großes Blumengebinde vor den zerborstenen Sandsteinquadern der Kirche niedergelegt hatte, bedankte sich der Bundeskanzler bei den Dresdnern für das freundliche Willkommen. Mit Anerkennung und Bewunderung würden die Bürger der BRD die friedliche Revolution verfolgen, die sich in der DDR vollziehe. Selbstbestimmung heiße auch für alle in der Bundesrepublik, die Meinungen der DDR-Bürger zu respektieren. "Wir wollen und werden niemanden bevormunden", sagte Kohl.
Zustimmung löste die Mitteilung aus, dass ohne Verzug ein Vertrag über eine künftige Vertragsgemeinschaft zwischen beiden Staaten ausgearbeitet werde. "Wir wollen eine enge Zusammenarbeit auf allen Gebieten auf dem Felde der Wirtschaft, des Verkehrs zum Schutz der Umwelt, in der Sozialpolitik und der Kultur - Wir wollen, dass sich die Menschen hier wohl fühlen, dass sie in ihrer Heimat bleiben und hier ihr Gluck finden können."
Im Anschluss an seine Ansprache kam Helmut Kohl mit Einwohnern der Stadt ins Gespräch, bevor er am Abend mit leitenden Vertretern der evangelisch-lutherischen Kirche und mit namhaften Kulturschaffenden zusammentraf.
Von unseren Berichterstattern Herbert Annas, Rolf Günther und Horst Richter
(Neues Deutschland, Mi. 20.12.1989)
Helmut Kohl empfiehlt Hans Modrow die ungarische Wirtschaftsgesetzgebung zu übernehmen, um möglichst rasch die Voraussetzungen für ein Tätigwerden westdeutscher Firmen zu schaffen.
Wolfgang Schäuble schreibt in seinem Buch: "Der Vertrag", er habe wenige Tage vor Kohls Besuch in Dresden, bei einem Gedankenaustausch im Kanzleramt, vorgeschlagen, der Regierung Modrow eine Währungs- und Wirtschaftsgemeinschaft anzubieten. Die Meisten in der Gesprächsrunde hielten den Zeitpunkt für eine solche Initiative noch nicht gekommen.