Berlin (ADN/DM). Der Berliner Vorstand der SDP verlangt von der Regierung eine zügige Aufklärung der Vorfälle am Treptower Ehrenmal sowie energische Maßnahmen zur Ermittlung und Bekämpfung der Ursachen des Neonazismus in der DDR. Das wurde ADN am Sonntag in einer Presserklärung mitgeteilt. Darin nimmt der Pressebeauftragte des Berliner Vorstandes der SDP, Klaus Baum, zu den Vorwürfen des Neuen Deutschland vom 30. Dezember, die SDP unterschätze die neofaschistischen Tendenzen in der DDR, Stellung:
"Diese Vorwürfe sind absurd und stellen eine falsche Interpretation zweier Aussagen des jetzigen Pressesprechers des SDP-Landesvorstandes Steffen Reiche dar. Darin wird die Absieht der ND-Redaktion deutlich, auf Kosten der SDP billige Wahlkampfpropaganda für ihre Partei zumachen", heißt es in der Erklärung. "Reiche, der sich im 'Donnerstags-Gepräch' des Fernsehens der DDR positiv zur Auflösung der SED-PDS geäußert hatte, machte sich damit natürlich zur Zielscheibe der Parteipresse. Ausgerechnet im ND unterstellt man gleich der ganzen SDP stalinistische Denkschemata und Leichtfertigkeit beim Umgang mit der Angst der DDR-Bürger vor neonazistischen Umtrieben", wird erklärt.
(Berliner Zeitung, Di. 02.01.1990)
Nun kennen wir ihn, den Neujahrswunsch von SDP-Politiker Steffen Reiche. Er verkündete ihn zu bester Abendsendezeit im "Donnerstag-Gespräch" des Fernsehens der DDR. Für den demokratischen Prozess in der DDR wäre es das beste gewesen, die SED-PDS hätte sich aufgelöst, so der Sinn seiner Rede.
Man sollte es einem Politiker nicht verdenken, wenn er davon träumt, ein Kontrahent möge durch Selbstauflösung aus dem Rennen scheiden. Entfiele doch dann die Auseinandersetzung mit Programm und Zielen, würde der Weg frei für die eigene Partei ... Niemand darf es uns verdenken, wenn wir ihm diesen Gefallen nicht tun werden. Nun wäre das alles kaum der Rede wert, gäbe es nicht den Zusammenhang, in den Herr Reiche seinen Wunsch stellte: Gerade die Existenz der SED-PDS stärke die rechtsextremen Kräfte in unserem Land.
Wo liegt da die Logik? Eine Partei, die erklärtermaßen gegen rechtes Potential angetreten ist, begünstigt dieses allein durch ihre Existenz? SED-PDS weg, dann verschwinden die Neonazis - das ist die absurde Konsequenz der Reiche-Worte, und sie erinnert fatal an das Schwarz-Weiß stalinistischer Denkschemata.
Reiche spielt leichtfertig mit den Sorgen und Ängsten vieler Bürger vor neonazistischen Bedrohungen, indem er leichtfertig einen Zusammenhang konstruiert, der schlichtweg falsch ist. Mehr noch, er bastelt dar- aus Munition für den Wahlkampf.
Am Runden Tisch hatten die SDP-Vertreter am Mittwoch einer Erklärung zu neofaschistischen Tendenzen in der DDR zugestimmt. Nur einen Tag später will der Sprecher dieser Partei, ohne mit der demokratischen Wimper zu zucken, eine starke antifaschistische Kraft einfach ausschalten. Ist das Wahlkampflogik? Prinzipienlosigkeit? Demagogie? Oder von allem etwas?
Matthias Loke
(Neues Deutschland, Sa. 30.12.1989)