Eine biblische Vision und unser Werden zum Menschen des Friedens

Gespräch mit dem Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer über Ansichten zum Pazifismus

BZ: Die Idee des Pazifismus entspringt der uralten Sehnsucht der Menschen nach Gewaltlosigkeit, nach Frieden und Harmonie. Dagegen steht unsere zerrissene, waffenstarrende Welt, trotz erster Abrüstungsschritte regiert von Gewalt und Machtinteressen. Wie wird einer in so auf Kampf eingestellten Welt zum Pazifisten?

F. Schorlemmer: Mir ist Anfang der 60er Jahre klar geworden, dass es ein Irrsinn wäre, wenn wir die Waffen, die es gibt, anwenden würden. Ein zukünftiger Krieg wäre ja gar kein Krieg. Man hätte ihn nicht Weltkrieg, sondern Weltuntergang nennen müssen. Auch ein Verteidigungs- oder Kriegsministerium müsste Untergangsministerium heißen. Ein Wehrdienstverweigerer ist eigentlich ein Untergangsdienstverweigerer.

Und das ist bis heute so.

Mein Pazifismus hat zum einen mit dem Atompazifismus im Nuklearzeitalter begonnen - seit der Kuba-Krise im Oktober 1962 wussten wir ja, dass der Weltuntergang auf der Tagesordnung steht. Das andere war für mich, dass wir Deutschen zwei Weltkriege angezettelt haben.

Mir und meinen Freunden war wichtig, dass Deutsche nie wieder so zu Schuldigen werden. Deshalb habe ich 1962 den Wehrdienst verweigert. Ich wollte persönlich ein Zeichen setzen, für eine Zivilleistung bereit sein. Zumal ich in den Konflikt kam zwischen dem Gebot in der Bibel "Du sollst nicht töten" und dem Gebot als Soldat "Du sollst töten", ansonsten begehst du eine Befehlsverweigerung.

Das Gebot, nicht zu töten, knüpft an urchristliche Quellen an. Die Christen hatten ja den gewaltlosen Friedefürsten auf ihr Panier geschrieben, der sagte, wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Und das sogar in einer Situation, als es um sein eigenes Leben ging, also - wenn man so will - um Verteidigung. Er wollte die Kette von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen.

Sich dafür einsetzen, dass keine Gewalt mehr stattfindet

BZ: Genau das ist ein Punkt, der viele Zweifel und Fragen hervorruft. Einen Angriff - ganz gleich auf welcher Ebene, ob nun geistiger Natur oder materieller - hinzunehmen, bedeutet noch lange nicht, diese kette zu durchbrechen. Darum steht für mich das Anbieten, das Schaffen von Frieden und die Bereitschaft zum Frieden in einer widersprüchlichen Wechselbeziehung.

F. Schorlemmer: Verhältnis zwischen Frieden stiften und friedfertig sein ist ein Problem, das mich bis heute bewegt. Man kann friedfertig sein und nichts tun, nur erdulden. Oder aber aktiv werden. Ein Pazifist ist für mich nicht derjenige, der sagt, ich lehne Gewalt ab, sondern nur jemand, der sich dafür einsetzt, dass keine Gewalt mehr stattfindet. Das heißt, nur ein aktiver Pazifismus ist ein christlicher. Alles andere wäre eine Dulderideologie, eine bloße Dulderideologie.

Ein wirklicher, großer Pazifist ist für mich Dietrich Bonhoeffer, der sich zu einem Widerstandskämpfer gegen den Tyrannen entwickelt hat, dabei aber immer Pazifist blieb. Die geistige Verbindungslinie ließe sich weiterziehen bis hin zu Gandhi und Martin Luther King.

Für mich ist Frieden also Sein und Tun zugleich. Oder anders ausgedrückt: Nur der kann Frieden stiften, der selber auch ein Mensch des Friedens ist, also friedfertig.

BZ: Nun sind Sie ja als durchaus streitbarer Mann bekannt, in diesem Sinne wohl auch Verkörperung dessen, dass pacificus Frieden machend bedeutet.

F. Schorlemmer: Ja, ich muss diesen Widerspruch von Frieden stiften und friedfertig sein auch in mir lösen. Immer wieder, denn manchmal entdecke ich an mir Aggressionen. Die nicht auf andere zu übertragen, bemühe ich mich. Um das mal ganz konkret zu schildern Ich bekomme eine wahnsinnige Wut, wenn ich merke, dass Leute alles daransetzen, dem Herrn Modrow ein Bein zu stellen. Ich muss dieses Gefühl verarbeiten, meine Meinung so sagen, dass ich deutlich mache: weil es mir um den Frieden geht, geht es mir um die Stabilität der Regierung Modrow

Aber nochmal zu Ihrer Frage. Pazifismus heißt, für Frieden kämpfen, sich dafür einsetzen. Nicht einfach der Gewalt das Feld überlassen. Insofern stimmt es schon kämpferischer Pazifismus, obwohl das eigentlich der höchste Widerspruch ist. Kämpferischer Pazifismus heißt aber nicht, dass ich mit äußerer Gewalt den Frieden erzwinge. Das wäre die Pax Romana also ein Frieden, der mit Gewalt erhalten wird.

Die Stasi breitete ein Spinnennetz über uns aus

BZ: Genaugenommen ist in unserem Land bis in die jüngste Vergangenheit ein Trugbild inneren "Friedens" mit Macht erzwungen worden. Noch im Oktober drohte diese Befreiung durch die Honecker-Führung in offene Gewalt umzuschlagen.

F. Schorlemmer: In unserer Gesellschaft, im real existierenden Stasiismus, gab es keinen inneren Frieden. Die Ruhe wurde durch die Angstherrschaft der Stasi aufrecht erhalten, die ein Spinnennetz über uns ausgebreitet hatte. Im Auftrag und zum Schutz jener Herren, die jetzt in ihrem hohen Alter hinter Gittern sitzen.

Es ist eine gewisse Ironie - Herr Axen, der gerade zu einer Augenoperation in Moskau war, hat immer davon gesprochen, wir werden unsere Macht wie unseren Augapfel hüten. Macht? Ich dachte immer, es ginge um unsere Idee, die Werte des Sozialismus. Nein, Macht hat er gesagt! Das heißt also auch mit Macht. Mit der Macht der Staatssicherheit, die unser Land so zerrüttet hat.

Erst im Nachhinein wird klar, wozu die führenden alten Männer bereit gewesen wären.

BZ: Es gab die sehr begründete Angst vor einem "Himmlischen Frieden" . . .

F. Schorlemmer: Die Leute gingen mit der chinesischen Angst im Bauch auf die Straßen. Ich habe das erlebt in Leipzig. Wie war die Stadt belagert. Sie können sich das nicht vorstellen.

In dieser bedrohlichen Situation ist etwas ganz Wunderbares passiert. Als nämlich drei der Kirche nahe Gruppen in Leipzig am 9. Oktober den Appell zur Gewaltlosigkeit verabschiedeten, der dann in den Kirchen verlesen worden ist. Leute, die jahrelang unter starker Bespitzelung und Bedrängung der Staatssicherheit standen, bekannten sich darin zu ihrer Angst, auch zu der Angst um die Uniformierten und mahnten: Gewalt löst keine Probleme, ist unmenschlich. Gewalt kann nicht das Zeichen einer neuen, besseren Gesellschaft sein.

Alle unsere Ideale sind gründlich zerstört worden

BZ: Eine alles kontrollierende, scheinbar unkontrollierbare Macht ist ohne Gewalt gebrochen worden. Bliebe diese Revolution, was sie im Beginn war, konnte sie zu einer Bestätigung der Idee der Gewaltlosigkeit werden. Doch die Eigendynamik der Entwicklung befördert nun jene auf die Straßen und Plätze, deren Parolen nicht unbedingt von Toleranz und Nachdenklichkeit, von friedfertigen Positionen künden.

F. Schorlemmer: Überhaupt nicht von Positionen, glaube ich.

Aber ich versuche, diese Menschen zu verstehen. Wo sollen sie mit ihrer Wut hin. Mit ihrer Wut darüber, was hier mit ihnen gemacht wurde, und mit der Wut darüber, dass sie ja mitgemacht haben. Was tun sie? In der Mehrheit suchen sie einen Sündenbock, und der heißt einfach SED.

Außerdem erleben wir jetzt, dass jene Leute, deren Bilder überall an den Wänden hingen - in den Kneipen, in den Büros, in den Schulen - hinter Gittern sitzen. Es wird also klar, alles ist noch viel schlimmer als gedacht. Wir sind von Verbrechern regiert worden, die uns hehre Ideale vorgegaukelt haben. Dieses System, so wie es aufgebaut wurde, ist im Grunde von Übel gewesen, weil es anderes lebte, als es verkündete. Und zwar radikal.

Nachdem nun alles kaputt ist, wirft man sich einfach einem äußerlich doch funktionierenden wirtschaftlichen und politischen System an die Brust. Dahinter steckt der Gedanke: Keinesfalls sollen die wieder die Macht ergreifen, die uns in diesen Abgrund geführt haben. Und auch der: Wir wollen, da wir auch Deutsche sind, so leben wie die dort im reichsten Land der Welt.

BZ: Und die neue Reisefreiheit bestätigt dem DDR-Bürger die alte Erfahrung, dass seine Mark weniger wert ist als die des Nachbarn.

F. Schorlemmer: Eigentlich ist das eine neue Form der Selbstentmündigung, was gerade passiert. Wir sind nichts, und ihr seid alles - die Selbstwertkränkung des DDR-Bürgers über Jahrzehnte bricht sich so Bahn. Jetzt lässt man sich gerne, verlocken, verführen vom Fetisch der harten Währung. Möglichst ohne Nachdenken über die Ganzheitlichkeit der Welt, ohne Erinnerung an die Geschichte.

Es ist kein Wunder. Alle Ideale sind so gründlich zerstört worden, nun will man keine mehr . . . Ich bin zum linken Spinner geworden, noch vor wenigen Monaten war ich ein rechter Provokateur.

BZ: Dennoch, Ideale, Visionen haben die Menschheit vorangebracht. Ohne Menschen, die über das Ich, das Hier und Heute hinausdenken, wäre Entwicklung nicht möglich. Sie haben es allerdings schwer, in unserem fiebergeschüttelden Land gehört zu werden, das vielen nun der Nabel der Welt zu sein scheint.

F. Schorlemmer: Was wir erleben, ist die Verengung des Horizonts auf Deutsch-Deutsches, ist die Flucht vor der schmerzlichen Erkenntnis, dass die Art, zu leben wie in der Bundesrepublik, zerrüttend ist. Zerrüttend für die Dritte Welt, für die Natur . . .

Wir erleben zugleich, wie die Revolution ihre Väter entlässt. Die Sensiblen, die Nachdenklichen, die Besorgten, die politisch Engagierten haben es tatsächlich schwer, gehört zu werden. Jetzt heißt es, dass diese Leute sich nicht zurückziehen, resignieren, sondern sich einmischen. Jetzt wirkt sich aus, dass wir uns selber nie ganz wichtig waren. Das politische Nachdenken bezog sich kaum auf unsere eigene Realität, es war nur reflexiv, in der Nische vor dem Fernseher mit dem ZDF-Programm. Vordenker und Vorsprecher wie Christa Wolf haben uns geholfen, uns selber wichtig zu nehmen. Aber machen wir uns keine Illusionen. Wie viele Menschen haben solche Bücher gelesen, konnten sie lesen.

Eine immer noch schöne, unglaublich gefährdete Welt

BZ: Also stehen die eigentlichen Veränderungen sowohl des Menschen als auch seiner großen und kleinen Welten noch bevor?

F. Schorlemmer: Ich glaube, das Verhältnis von Weltveränderung und Selbstveränderung wird zu einem Grundproblem unserer Zukunft. Wir stehen vor einem weltweiten Paradigmenwechsel. Der Mensch muss klären, wer er denn sein will. Wie er mit sich und der verbliebenen Restwelt, einer immer noch schönen, aber unglaublich gefährdeten Welt weiterleben will. Und wir sagen deutsche Einheit. Das ist in diesem Zusammenhang so unwichtig.

Man kann nur anknüpfen an eine Bescheidenheitskultur. Keine asketische, aber eine Kultur, die Werte woanders sucht als im Konsum. Wenn der Mensch sich als Homo consumens definiert und seine Lebenspraxis die des Prometheus ist. sind wir bald am Ende. Der Mensch ist ein Nimmersatt das war er in der gesamten Geschichte.

BZ: Glauben Sie, an diesen Grundeigenschaften etwas ändern zu können? Dem Guten im Menschen wenden sich Dichter zu. Der Versöhnung des Menschen mit seinesgleichen und mit der Natur haben sich Generationen gewidmet. Die Aufklärer versuchten es mit Erziehung, Marx wollte die Produktionsverhältnisse verändern . . .

F. Schorlemmer: Ich bin kein Aufklärer in diesem Sinne. Und der Grundirrtum von Marx war, er ging davon aus, dass der Mensch gut sei, man müsse ihm nur entsprechende Bedingungen schaffen.

Als Theologe muss ich erst mal die Wahrheit über den Menschen sagen. Und die Wahrheit ist, dass er ein Nimmersatt ist. Die Wahrheit ist, dass er Kain ist, der den Abel nicht dulden kann, dass er wie Luther sagt - in sich gekrümmt ist. Er ist ein Sünder. Einer, der sich selbst zu Gott macht. Oder andere zu Götzen, der sich ihnen unterwirft und sie gleichzeitig hasst. Und doch die Gehassten wieder braucht.

Das christliche Prinzip geht von diesem gespaltenen Wesen aus, gibt ihm damit zugleich die Ermutigung, dass er schon Mensch ist, nicht erst dazu werden muss. Ein Angenommener also, der sich darum selbst annehmen kann, der geliebt wird, damit er lieben kann, dem Gnade zuteil wird, damit er vergeben kann.

Das Solidarische ist dem Menschen nicht angeboren, aber er kann durch eigene Erfahrung dazu befähigt werden. Dahinter steht der Gedanke, wem Versöhnung zuteil wird, der kann sich für Versöhnung einsetzen. Und - wir sind wieder beim Anfang - friedfertig sein und Frieden stiften.

Der Rachegedanke kann auch die Opfer zu Tätern machen

BZ: Neben dem Gebot zum Frieden, zur Friedfertigkeit, steht in der Bibel der Gedanke der Rache. Diesen Widerspruch findet jeder in sich selbst, er ist wohl so alt wie die Menschheit und gerade jetzt aktuell.

F. Schorlemmer: Im Alten Testament ist der Rachegedanke verbunden mit dem Wunsch, es soll reiner Tisch gemacht werden. Die biblische Geschichte versucht aber gerade zu sagen, das Ziel bleibt die Versöhnung.

Die Wirklichkeit ist, dass wir gerne mal unser Mütchen kühlen und nicht merken, dass wir nie nur Opfer, sondern in unterschiedlicher Weise immer auch Täter sind.

Der Rachegedanke birgt es nun mal in sich, Opfer und Täter zugleich zu sein. Darum geht es nicht so weiter, dass wir die Gesellschaft auf diese Weise zweiteilen. Nur dann, wenn wir dies einsehen, können wir uns versöhnen und in einer Gesellschaft leben, in der niemand Angst haben muss. Dabei hat die Kirche erneut eine Mittlerfunktion. Sie versucht - immer schon - die Verbindung herzustellen zwischen dem inneren Frieden des Menschen, dem Frieden des Landes und dem Frieden der Welt. Das ist der Gedanke des Abendmahls, bei dem sich Gerechtigkeit und Frieden küssen.

Schwerter als Pflugschare in der Dritten Welt

BZ: Ein biblisches Wort stand auch am Beginn der unabhängigen Friedensbewegung. Das Wort des Propheten Jesaja von den Schwertern, die zu Pflugscharen, den Lanzen, die zu Sicheln werden.

F. Schorlemmer: Diese biblische Vision führte Anfang der 80er Jahre zu einer politischen Inspiration. Es sollte ein Frieden ohne Waffen geschaffen werden, die Schwerter als Pflugschare in der Dritten Welt für das tägliche Brot sorgen. Diese Vision brachte zugleich die direkte Konfrontation mit einer Staatsmacht, die sich vorbehielt, allein die Friedensmacht zu sein. Dennoch: Unser Traum wurde ein Stückchen Wirklichkeit, SS-20-Raketen-Schlepper sind nun Straßenkräne. Aber die Konversion muss weitergehen. Es bedarf nicht nur technischer, sondern auch menschlicher Konversion: unserer Wandlung in Menschen des Friedens.

Das Gespräch führte
Bettina Urbanski

Berliner Zeitung, Nr. 23, 46. Jahrgang, Sa. 27.01.1990

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