Unzufriedenheit mit formalem Leitungsstil
Nach ausgiebigem Denken und Lernen meldete sich DFD endlich zu Wort
Zunächst sah es so aus, als ob auch diese VIII. Bundesvorstandssitzung, mit der sich der DFD nach langem Zaudern endlich mit Überlegungen zur Erneuerung der Frauenorganisation zu Wort meldete, in altgewohnter Weise ablaufen sollte. Die langjährige Vorsitzende Ilse Thiele trat aus Altersgründen zurück; zur neuen Vorsitzenden wurde fast einstimmig und ohne Diskussion die ehemalige Bundessekretärin Eva Rohmann gewählt, die anschließend Vorstellungen zur Veränderung darlegte. Sie erklärte das lange Schweigen des DFD mit einem ausgiebigen Denk- und Lernprozess, der Problemdiskussionen mit Wissenschaftlern und Frauen aus der Praxis einschloss. Diese Zusammenarbeit soll sich vertiefen. Eine "Erklärung zur Erneuerung des DFD" will den Forderungen der Mitglieder entsprechen, die seit langem lautstark Unzufriedenheit mit dem formalen Leitungsstil äußerten. Entsprechend der Erklärung will sich der DFD zum Beispiel für die volle Durchsetzung der Gleichberechtigung einsetzen, die Förderung der Familie aus der Sicht der Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft neu durchdenken, sich Handelsfragen zuwenden, Einfluss nehmen auf neue Inhalte von Bildung und Erziehung der Kinder.
Der DFD bietet kein fertiges Rezept an. Er möchte mit seinen Vorschlägen an dem Wandlungsprozess teilnehmen, um die Veränderungen in unserem Land unumkehrbar zu machen, erklärte Eva Rohmann. Erhalten bleiben soll der DFD als eine eigenständige politische Frauenorganisation, die im Antifaschismus wurzelt, sich der Solidarität im internationalen Raum wie im kleinen Bereich des Alltags verpflichtet fühlt und für alle Frauen offensteht, unabhängig von ihrer Weltanschauung, von politischer Bindung, Nationalität, religiösem Bekenntnis. Die neue Bundesvorsitzende verlangt neue Formen der demokratischen Mitwirkung der Frauen, die ihrer gewachsenen Bildung und ihrer Stellung in der Gesellschaft gerecht werden, und unterbreitete der Volkskammer den Vorschlag, einen Ausschuss für Frauenfragen zu gründen.
Beratungszentren setzen Arbeit fort
Zu den Aufgaben des DFD für die Zukunft sollen unter anderem die besondere Beachtung der Probleme alleinstehender Frauen mit Kindern, kinderreicher Familien, behinderter Frauen und Frauen in höherem Lebensalter gehören und eine rechtliche und menschliche Hilfe der Mitglieder bei der Lösung persönlicher Konflikte, für die Psychologen, Fürsorgerinnen, Juristen gewonnen werden sollen. Die Veranstaltungen der Frauenakademie werden ab sofort abgesetzt; öffentliche Frauenversammlungen sind in das Ermessen der Gruppenvorstände gestellt, denen höhere Eigenverantwortung übertragen wird. Die Beratungszentren wollen ihre Tätigkeit fortsetzen, weil sie sich für die Frauen und Familien zu einem beliebten und gefragten Anlaufpunkt entwickelt haben.
Bis auf die wenigen konkreten Festlegungen klangen die Vorstellungen über weite Strecken allgemein. Kein Wort der Erklärung fiel zum Beispiel darüber, weshalb die 12 000 Jahresversammlungen der DFD-Gruppen ohne Information und Unterstützung der Gruppenvorsitzenden durch die Kreisvorstände in einer Zeit stattfinden mussten, in der der DFD-Bundesvorstand in Sprachlosigkeit verharrte.
Wiedereinführung eines Versandhandels?
Erst die Diskussion brachte Bewegung in den Saal. Als sich die Magdeburger DFD-Bezirksvorsitzende in bekannter Weise in einem weitschweifigen Koreferat ergehen wollte, wurde sie durch Zuruf zu gebotener Sachlichkeit und Kürze verpflichtet. In der erregten Aussprache wurden Probleme angeschnitten, die die Frauen bewegen und vom Recht auf demokratische Mitverantwortung bis zu den geringeren Löhnen und Gehältern in den typischen Frauenberufen wie Krankenschwester und Verkäuferin reichten, von dem Anspruch auf Selbstverwirklichung der Frauen bis zur Verbesserung der Einkaufsmöglichkeiten vor allem in den ländlichen Gegenden, wo sich die Frauen die Wiedereinführung eines Versandhandels wünschen.
Die stellvertretende Vorsitzende des DFD-Bundesvorstandes, Unionsfreundin Hertha Jung, forderte, die Zusammenarbeit von Christen und Marxisten in der Frauenorganisation auf eine qualitativ und quantitativ höhere Stufe zu stellen und dabei Berührungsängste zu überwinden. Sie verlangte vom DFD eine stärkere Profilierung als Interessenvertreter der Frauen, ob es um die demokratische Mitsprache geht oder um den Einfluss auf ein verbessertes Angebot des Handels, dem sie die Einführung eines ordentlichen Schlussverkaufs vorschlug, um endlich von den Ladenhütern wegzukommen und Platz zu schaffen für ein modisches saisongerechtes Sortiment.
Unionsfreundin Angelika Peters zählte die Funktionen auf, in denen sie im Bundesvorstand des DFD, im Kreisvorstand der CDU, in der Stadtverordnetenversammlung versuchte, eine Verantwortung zu übernehmen, der sie nicht gerecht werden konnte in Zusammenarbeit mit einer Partei, die a priori den Anspruch auf Richtigkeit und Weisheit ihrer Entscheidungen erhob. Wo Vertrauen fehlt, kann sich Verantwortung nicht entfalten, sagte Angelika Peters. In den Familien und im kirchlichen Raum wurden andere Töne angeschlagen als in der Öffentlichkeit, weil die private Meinung mit der offiziellen nicht übereinstimmte. Unionsfreundin Peters will nach diesen Erfahrungen an der Basis arbeiten, in ihrem Heimatort Zinnowitz, in dem auf Einwohnerversammlungen erschreckende Tatsachen bekannt würden, um mit einem bisschen Hoffnung nun wieder um das Vertrauen zu ringen, das durch mangelnde Zivilcourage verlorenging.
Gudrun Skulski
Neue Zeit, Zentralorgan der Christlich-Demokratischen Union Deutschland, 45. Jahrgang, Nr. 281, Ausgabe B, Mi. 29.11.1989
