Die Zukunft: eine gewisse Durststrecke
Im Gewühl des DSU-Zeltes nimmt Pfarrer Ebeling Stellung
taz: Wie fühlt man sich als Montagsgewinner?
Ebeling: Na, das ist ein schönes Gefühl, muss ich schon sagen. Aber ich hab ja nicht allein gewonnen, die ganze Allianz hat gewonnen. Das ist was Schönes.
Haben Sie auf dem Nikolaikirchplatz, wo die Demonstrationen begannen, das Schild gesehen: "Platz der Angeschmierten. Schöne Grüße von den Oktoberkindern (Ja, wir sind noch da)?
Nein, nein, das stimmt ja nicht Die Nikolaikirche hat doch nun mal alles bewirkt, und wir haben alle gewonnen, alle die, die damals auf die Straße gingen.
... zu denen Sie ja nun als letzter gehörten.
Das ist doch Unsinn. Gestern kam ein Arbeiter zu mir und schimpfte, dass man seine Teilnahme bestreiten will und nun alles bloß auf die linken Gruppierungen schieben will, sie seien es gewesen, die alles ausgelöst hätten. Also hier jetzt den Streit zu schüren, wer welchen Anteil gehabt hat, nein, das finde ich nicht schön.
An Ihrer Kirche, der Thomaskirche, steht ein Spruch, der auf Ihre Weisung, keine Demonstranten vor der Wende in die Kirche zu lassen, anspielt "Ebeling, warum hast du mich nicht reingelassen? Jesus Christus". Berührt Sie das?
Das ist ein Schlag unter die Gürtellinie. Wer das geschrieben hat, muss es einmal vor Gott, und das sage ich ganz bewusst, selber verantworten. Mehr dann ich dazu nicht sagen. Als der Kanzler am Mittwoch hier war, wurde vor der Bühne ein Plakat entrollt, mit der Aufschrift "Gott schütze unseren Pfarrer Ebeling." Das hilft dann schon. Alles andere müssen die Schmutzfinken schon selber verantworten. Ich habe heute von Herrn Mies, dem DKP-Vorsitzenden,eine Postkarte bekommen. Da stand drauf: "Herzliche Anteilnahme zum Ableben des Opa Ebeling. DKP-Vorstand".
Woher wissen Sie, dass das Schreiben echt ist?
Es wird kontrolliert. Der Poststempel war Düsseldorf, die Unterschrift ist scheinbar echt. Sehr makaber.
Ich vermute, Sie kennen diesen Drei-Viertel-Toten-Verein nicht.
Aber ich kenne die SED.
Nach den erstes Hochrechnungen sieht es so aus, als sei Ihre Kampagne gegen die SPD, sie sei unterwandert von Ex-SED-Mitgliedern, erfolgreich gewesen.
Ich habe diese Kampagne nicht geführt.
Wollen Sie die Existenz des DSU-Plakate mit Honecker, Brandt und Lafontaine leugnen?
Die Plakate, auf denen man Honecker und Lafontaine sieht, habe ich zurückziehen lassen. Sie wurden also von der DSU nicht mehr verteilt. Ich dann nicht überschauen bei 40 000 Mitgliedern innerhalb von acht Wochen, wo überall etwas Negatives läuft. Ich habe mich auch schon vor der Presse für diese Dinge entschuldigt. Sie sind nicht in meinem Namen geschehen. Wenn es Leute in meiner Partei gibt, die der Meinung sind, das so machen zu müssen, dann bedaure ich das. Aber deswegen heiße ich die Politik von Herrn Lafontaine nicht gut. Ich freue mich, dass die SPD nicht die Regierungsgewalt bekommt.
Auch in Ihrer Partei gibt es jede Menge SED-Mitglieder. Sie selbst galten in der DDR bis zum 7. Oktober nicht gerade als Vorkämpfer für die Demokratie.
Das ist schon wieder eine Unterstellung. Woher wissen Sie das?
Überall in Leipzig ist zu lesen, dass die DSU in Sonneberg 60 Prozent SED-Mitglieder hat.
Das stimmt einfach nicht Wir haben 40 Prozent in dieser Ortsgruppe gehabt, und die sind entlassen worden. Zwei Tage, nachdem die Ortsgruppe sich gebildet hat, hab ich meinen Stellvertreter hingeschickt, und er hat die gesamte Ortsgruppe aufgelöst. Eine Sache wird nicht dadurch richtiger, dass man immer wieder dieselben Lügen auftischt.
Der Abend ist noch lang, die Ergebnisse ungewiss. Wenn die Allianz verlieren müsste, können Sie sich eine Regierungsbeteiligung der SPD, die ja mit der DSU nicht regieren wollte, vorstellen?
Ich habe vor der Wahl gesagt, dass jede demokratische Partei, und das ist die SPD in meinen Augen, ein möglicher Koalitionspartner ist. Das habe ich dem bayrischen Ministerpräsidenten Herrn Streibl schon im Dezember gesagt, als ich bei ihm war. Dazu stehe ich auch heute. Es muss ja dieses Land aufgebaut werden.
Weiches Ministeramt streben Sie an?
Ich bewerbe mich nicht um irgendwelche Ämter. Aber am liebsten wäre mir das Amt, wo ich am besten die Menschen zusammenbringen und für den Frieden wirken kann. Sie kennen mich ja. Ablehnen würde ich ein Amt, wo ich keine Fachkompetenz habe.
Welcher Ministerposten wäre das?
Ich könnte nicht Justizminister werden. Davon habe ich gar keine Ahnung. Umweltminister wäre wohl auch nicht meine Sache, weil man dort soviel reden muss.
In der Stadt hingen Zettel, auf denen unbekannte namens der DSU die Währungsunion für den 18. März ab 18.30 Uhr forderten. Wann wird es sie geben?
Diese Plakate waren auch wieder so eine Schundaktion. Wir haben sie nicht gedruckt. Aber der Zeitpunkt ist ja Unsinn. Man muss ja ein bissel Pragmatiker sein und Politik machen können. Ich schätze aber, bis zum Sommer werden wir die Dinge im Griff haben.
Welche "Dinge"?
Währungsunion, Sozialunion und Wirtschaftsunion.
Mit wie viel Prozent Arbeitslosen rechnen Sie dann im Juni?
Das ist immer wieder die uralte Frage. Ich könnte mir vorstellen, dass wir Arbeitskräfte importieren. Hier gibts soviel zu tun, dass wir gar nicht genug Arbeitskräfte haben. Es wird vielleicht eine gewisse Durststrecke geben.
die tageszeitung, DDR-Ausgabe, Di. 20.03.1990
Die DSU erhielt bei der Volkskammerwahl 6,3 Prozent der Stimmen. Hans-Wilhelm Ebeling wurde in der Regierung Lothar de Maizière Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Austritt aus der DSU am 02.07.1990.
