Heiße Debatten und Freibier
Erster Jugendtag der IG Metall am Wochenende in Berlin
In großen roten Lettern stand es an der Mauer´in der Berliner Fritz-Heckert-Straße: "Wir für uns - für eine bessere Zukunft", das Motto des ersten Jugendtages der IG Metall. Wenige Stunden vor der Zentralen Delegiertenkonferenz wollten sich 40 junge Metaller über einen Neubeginn gewerkschaftlicher Jugendarbeit in ihrer Industriegewerkschaft verständigen. Einig war man sie bereits am ersten Beratungstag darüber, dass die Arbeit mit und für Jugendliche eine Wende dringend benötigt hat.
Wie schwer die sein wird und welch hoher Kraftaufwand vonnöten ist, zeigte der Jugendtag sehr deutlich. Wenig geübt im Umgang mit diesem schwierigen Thema schien der stellvertretende IG-Chef Pampel. Auf sein Angebot der Jugend künftig wesentlich mehr Aufgaben als zuvor zu übertragen antworteten die jungen Kolleginnen und Kollegen in einer Erklärung an die Zentrale Delegiertenkonferenz: Weniger das Aufgabenverteilen als vielmehr die wirkliche Anhörung und Berücksichtigung ihrer Interessen muss die Jugendarbeit in der IG Metall bestimmen. Vom Zentralvorstand erwarte man wesentlich mehr Unterstützung.
Konkret wurde es dann vor allem am Sonnabend. Die jungen Basis-Gewerkschafter einigten sich darauf, dass Jugend- und Lehrlingssprecherräte gebildet und unterstützt werden. Die Jugendsprecher werden in den BGL der Betriebe mit Sitz und Stimme den gewerkschaftlichen Kurs mitbestimmen. Die gewerkschaftliche Schulung junger Kolleginnen und Kollegen wird mehr und mehr Schwerpunkt der Arbeit werden müssen. Dies ergebe sich schon allein aus den veränderten Bedingungen bei der Einführung der Marktwirtschaft. Nutzen will man dazu die Kontakte zur Metall-Jugend West. In der nächsten Zeit sind viele Begegnungen mit Kollegen aus der Bundesrepublik geplant, informierte der Jugendbeauftragte der Metalljugend der DDR, Matthias Oertel, am Rande des Jugendtages.
Dass Jugendarbeit nicht nur aus bierernsten Sitzungen besteht, konnte man am Sonnabend vor der Michaelkirche erleben. Freibier, Bratwurst und Kinderspiele lockten, und viele, viele kamen. IG-Metall-Vorsitzender Hartwig Bugiel ließ es sich nicht nehmen, beim Straßenfest dabeizusein. Mit einigen Schwierigkeiten und einer bespritzten Jacke zapfte er das ernte Fass Bier an. Die jungen Metaller hoffen, dass sich die Unterstützung ihres IG-Chefs damit in der nächsten Zeit nicht erschöpft hat.
Ralf Hren
Tribüne, Mo. 09.04.1990
