Kommen die Klubs in die Money-Mühle?

Dresdener Jugendklubs im Auflösen begriffen / Rat wusste keinen Rat / Wer gibt den jungen Leuten konkrete Antwort?

Wortlaut einer Einladung aus Dresden: "Jetzt schweben Jugendklubs im luftleeren Raum, und bevor man ihnen den Todesstoß versetzt, versuchen wir auf einem gemeinsamen Symposium zu retten, was zu retten ist." - Alarmstimmung!

Was Wunder: Der Jugendklub "Gambrinus" ist zu. Seine Räume, die auf dem Gelände des VEB Margon liegen, stellt der Betrieb nicht mehr zur Verfügung. Der Betrieb müsse jetzt an seine ökonomischen Interessen denken, begründete der Direktor die Entscheidung. Der TuR-Klub wurde dicht gemocht. Es gäbe keine FDJ mehr im Betrieb. Die Tür des Klubs "Industriegelände" wurde verschlossen - gar versiegelt. Kein Pfennig klimpert mehr für ihn . . . Der VEB Hochvakuum Dresden beabsichtigt, die Räume seines Betriebsjugendklubs zu verpachten. Ob die Jugendlichen das lukrativste Angebot aus Ost und West machen werden, bleibt zu bezweifeln. Dem Jugendklub "Prohlis 78" hat die von ihm genutzte Gaststätte die Disco gekündigt. Zu wenige Kellner. Aushilfsangebote seitens des Klubrats wurden abgeschlagen. Dem Jugendklub Kaditz wurde von einer nahe dem Klub befindlichen Gaststätte angeboten: Wir übernehmen eure Räume, wenn ihr kein Geld mehr habt, machen eine Nachtbar draus . . .

Optimistische Beispiele unter den 50 beim kürzlich stattgefundenen Symposium anwesenden Klubs zu finden, das wäre vergleichbar mit der berühmten Nadel im Heuhaufen. Logisch, dass eine Frage über allen anderen stand: Wie stellt sich die Kommune die Zukunft ihrer Jugendklubs vor?

Achim Sacher, Stadtrat für Kultur, gab sich alle Mühe, mit "könnte", "sollte", "müsste" zu jonglieren: Klubs sollten in kommunales Eigentum übernommen werden; Finanzierung wäre über konkret festgelegte Steuergelder-Summen möglich; Kommunalsteuern müsste man einführen . . .

Befriedigende Antworten? Pausengespräche machten deutlich, was die Klubvertreter vom Rat erhofft hatten: Nämlich klare Aussagen, ob und welche Klubeinrichtungen marktwirtschaftlichem Eifer zum Opfer fallen, ob und welche Vorsorge der Rat getroffen hat, die mühsam erkämpfte Jugendklub-Kultur neben Dresdens historischen Kultur- und Kunstschätzen zu erhalten. Derlei konkrete Töne waren jedoch gleich Null. Man hätte meinen können, diese Jacke will sich der Rat nicht anziehen. (Sacher: Betroffene Klubs sollten sich Rechtsbeistand suchen, notfalls ihre Rechte einklagen.) Auch ein aufgestellter Forderungskatalog (kein Klub darf verkauft werden; Klub-Gelder für 1990 müssen wie geplant bereitgestellt werden; eine zentrale Infostelle soll Klubinteressen vertreten helfen) half dem Stadtrat besagte Jacke nicht über. Sein Vorschlag: die Parteien doch über ihre Absichten in Sachen Jugendklubs zu befragen. Noch vor dem 18. März - waren sich die Klubleute einig. Bleibt zu hoffen, dass dann endlich Antworten auf die anstehenden Klubfragen näher rücken. Denn wie meinte Stadtrat Sacher? "Wir müssen unsere Politiker in die Pflicht nehmen, damit im sozialen und kulturellen Bereich nichts in die Esse geht." Der ebenfalls zur Veranstaltung geladene Oberbürgermeister Berghofer ließ sich nach Auskunft der enttäuschten Veranstalter übrigens wegen Urlaub entschuldigen.

Silke Müller

Junge Welt, Fr. 23.02.1990

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