Nun Runder Tisch auch für Lehrlinge
Gestern in Berlin: Von der Demo ins Ministerzimmer
Von unserem Berichterstatter Peter Schlag
Erster Akt, Mittwoch, 24. Januar: Rund 2 000 Lehrlinge Berliner Berufsschulen demonstrieren zum Ministerium für Bildung. 20 Vertreter sprechen schließlich mit dem stellvertretenden Minister Bodo Weidemann über ihre Forderungen. Zum Beispiel Erhöhung des Lehrlingsgeldes, Aufstockung des 24-Tage-Urlaubs, neue Lehrpläne. Bodo Weidemann erklärt sich daraufhin zu einem Gespräch mit Sprechern der Berufsschulen bereit.
Zweiter Akt, Dienstag, 30. Januar: Das versprochene Gespräch findet in der BBS "Ilse Stöbe" statt. Gekommen sind rund 60 Lehrlingssprecher. In einer harten Debatte geht es zunächst um die Hauptprobleme. Bodo Weidemann kann einige Veränderungen in Aussicht stellen. 150prozentlge Lohnerhöhung ab 1. Mai, Zuschläge für Lehrlinge im Schichtbetrieb ab 1. März, Veränderungen der Lehrpläne. Stubü ist schon gestrichen, wird ab September durch das Fach Gesellschaftskunde ersetzt. Vieles (für die Lehrlinge zu vieles) wie Fragen der Urlaubserhöhung und Fahrpreisermäßigung wie EOS-Schüler bleibt noch in der Schwebe, kann vielleicht auch noch nicht verbindlich geklärt werden. So kommt es zu Auffassungen wie die von Christion Kruschke von Autotrans: "Wenn ich das morgen meinen Leuten weitergebe, gehen die wieder zur Demo."
Dritter Akt, Mittwoch, 31. Januar (11.00 Uhr): Die Weltzeituhr ist dicht umlagert, es sind rund 5 000 Lehrlinge, die sich zur zweiten Demo finden. Mancher ist nicht gekommen, weil ihm sein Lehrmeister mit Disziplinarmaßnahmen drohte. Unter Rufen wie "Mehr Geld" und "Wir sind die Zukunft!" zieht man durch die Stadt. Angemeldet ist die Demo nicht, trotzdem hält die VP die Straßen frei. Vor dem Haus der Ministerien angekommen, ist zunächst Geduld gefragt. Schließlich erscheint Bodo Weidemann und bittet, megaphon-akustisch verstärkt, verantwortliche Sprecher zu benennen, mit deren er sich zusammensetzen wird.
Vierter Akt, Mittwoch (14.00 Uhr): Rund 60 Sprecher sind gekommen. Sie erhalten die Auskunft, dass die Lohnerhöhungsfrage verbindlich auf der Ministerratssitzung am 25. Februar geklärt wird. Höchstwahrscheinlich positiv. Für die Vielzahl der anderen Fragen soll ein Runder Tisch mit staatlichen und Lehrlingsvertretern gebildet werden. Ein konkreter Termin liegt noch nicht vor.
Fazit: Die Lehrlinge drängen. Was anderen recht ist, kann ihnen nur billig sein. Also auch sie auf die Straße mit ihren Forderungen!? Ob dies nun unbedingt in der Arbeitszeit sein muss, ist eine andere Frage. Doch Fakt ist, ohne diese Kundgebung würde es so schnell keinen Runden Tisch für Lehrlinge geben. Wunder sollten sie nicht erwarten. Nicht alle Probleme können gleich und zufriedenstellend geklärt werden. Dazu sind es zu viele. Der Anfang ist gemacht, die Devise heißt nun: Dranbleiben! Auch für die Junge Welt.
Junge Welt, Do. 01.02.1990
