SERO passt - quellen die Mülltonnen nun über?
Vernünftige Lösungen für Sekundärrohstoffe sind notwendig
Am Runden Tisch Pankows ging es Anfang März unter anderem um Verbesserungen des Pankower SERO-Systems: um günstigere Öffnungszeiten (Sonnabend statt Montag), Container für Metalle, Möglichkeiten für die Annahme, Lagerung usw. von Gift- und Sondermüll (Batterien, Farben, Lösungsmittel, Fotochemikalien...) und ähnliche Fragen. Auch in anderen Stadtbezirken machen sich viele Bürger Gedanken nicht nur darüber, wo sie ihre eigenen Altstoffe lassen sollen.
Ist das nun alles "verlorene Liebesmüh"? Nach vielen Gerüchten und Diskussionen kam jetzt die Bestätigung, dass die Aufkaufpreise gesenkt sind, SERO sei nicht mehr rentabel.
Wie weiter?
Jeder kann es schon jetzt erfahren, - an seiner Mülltonne, in seinem Hof: es quillt und quillt... Also größere Container oder mehr Mülltonnen? Oder die Klein-Entsorgung mittels Schwelbrand? Oder zur Abwechslung mal Müllexport nach Niedersachsen und Hessen?
Wie geht es überhaupt weiter, nicht nur mit dem Betrieb SERO, sondern auch mit der Wiederverwertung von Rohstollen, mit der Bewältigung des "Müllberges", mit der Ökologie? Es wird gesagt, SERO sei nicht konkurrenzfähig, weil die Abnehmerbetriebe die Altrohstoffe von westdeutschen Anbietern billiger bekommen können. Wir wollen hier nicht prüfen, inwieweit das zutrifft (in D-Mark?) und warum. Eine Aufgabe für die nächste Zeit ist es bestimmt, uns - und die Leser - mit den Systemen der Müll- und Altstofferfassung in der Bundesrepublik vertraut zu machen. Was dort besser ist, sollten wir schnell übernehmen, was bei uns besser ist, bewahren. Immerhin sind wir in mancher Hinsicht, wie z. B. bei Glasflaschen, international als vorbildlich anerkannt.
Ökonomie - Ökologie
Die entscheidende Frage ist aber grundsätzlicher Art, sie betrifft andere Betriebe übrigens ebenso wie SERO: Wenn wir wirklich ökologisch handeln wollen, müssen wir lernen, EFFEKTIVITÄT im größeren Zusammenhang zu denken als nur im Rahmen eines einzelnen Betriebes. Es wird in Zukunft nicht mehr gehen, dass der Betrieb den Gewinn einstreicht, die ökologischen Folgeschäden aber auf andere abgewälzt werden (auf den Staat? auf die Bürger?). Hier prallen Ökonomie und Ökologie hart aufeinander.
Das Problem ist letztlich nur zu lösen, die Umwelt nur zu bewahren, wenn in der ganzen Wirtschaft das Prinzip durchgesetzt wird „Was ökologisch teuer ist, muss auch ökonomisch teuer sein". In diese Richtung muss das ganze Preissystem umgestaltet werden. Das ist natürlich schwierig, wenn es anderswo nicht so gemacht wird. Aber es ist die einzige Möglichkeit, die Wirtschaft ökologisch verträglicher zu machen. Wenn wir nicht eine blinde Marktwirtschaft wollen, sondern eine, die "ökologisch und sozial" ist, dann geht es nur in dieser Richtung.
Es kann funktionieren
Wie kann man nun die Wiederverwendung von Rohstoffen billiger machen? Der Einsatz von Sekundärrohstoffen ist doppelt naturschonend: Er verringert den Verbrauch von Naturstoffen, und er verkleinert den Müllberg. Er muss also für die Produzenten billiger sein, das ist richtig. Aber nicht zu Lasten der Bürger. Deshalb muss das SERO-System finanziell unterstützt werden. Diese Stützung kann wiederum aus den erhöhten Preisen für Naturrohstoffe genommen werden. Auf diese Weise kann eine umweltverträgliche Produktion ständig stimuliert werden.
Allerdings ist dies nur eine Lösung für Produktionen, die als mehr oder weniger notwendig anzusehen sind. Wie der Verschwendung zu begegnen ist, z. B. dem Verpackungsluxus, der jetzt sehr schnell auf uns zukommt, dafür müssen Lösungen noch gefunden werden.
Die nötigen Wege
Wie kann nun das SERO-System in der nächsten Zeit wirklich funktionsfähig gemacht werden?, welche Wege bieten sich an, vor allem den Hausmüll zu "entsorgen"? Der 1. Weg ist: Der Bürger bezahlt dafür, dass er den Müll los wird. Das wird ja gemacht und ist sicher geeignet für die Abfälle, die nicht wiederverwendungsfähig sind.
Der 2. Weg: Der Bürger kann die wiederverwendbaren Rohstoffe verkaufen, hat einen materiellen Vorteil davon. Er ist motiviert, wenn es sich lohnt. Denn den Menschen mit seinen Einstellungen und Gewohnheiten muss man genügend berücksichtigen, wenn das System funktionieren soll. Wenn man das tut, kann als der 3. Weg das unbezahlte Sammeln auch viel erfolgreicher sein als bisher. Der Bürger muss nur seine Altstoffe ohne größeren Aufwand loswerden können, was bis jetzt nicht gesichert ist. Wenn die Container (z. B. getrennt für Papier, Glas, Plaste, Metall ...) an der nächsten Ecke stehen, wo man sowieso vorbeikommt, dann brauchen kaum noch wertvolle Altstoffe im Müll zu landen.
Beides, gute Bezahlung und günstige "Wegwerf"-Möglichkeiten kombiniert, sind eine gute Grundlage für ein funktionierendes SERO-System. Wir weisen doch nicht den Westmüll zurück, um mit unserem eigenen um so größere Deponien anzulegen. Eine ökologische Lösung steht also auf der Tagesordnung.
Gudrun Müller
Grüne Liga
PODIUM Die Seite der neuen Parteien, Initiativen und Gruppierungen in der Berliner Zeitung, Nr. 83, Sa. 07.04.1990
