Bericht von der Basis
Auch in Weißensee - Basisdemokratie, schwer wie noch nie!
In der "Spitze" (Jugendklub). Freitagabend bis in die Nacht. Vollversammlung des "Bündnis 90 und Grüne", Thema: Kommunalwahlen.
Stundenlanges Tauziehen - zuerst um das Verständnis des Wahlmodus. Zum Glück kam etwas verspätet noch ein Eingeweihter, der es genau wusste. Dann die Abstimmung, ob eine gemeinsame Liste mit der Grünen Partei kein Problem, die Mehrheit dafür. Nun die endlose Diskussion über ein Zusammengehen mit der VL. Die Meinungen kontrovers, jedoch ausgewogen pro und kontra. Viel Zündstoff in dem heftigen Schlagabtausch, die Stimmung im Raum gereizt, bisweilen aggressiv.
Zu basisdemokratischer Meinungsbildung kam es nicht, weil leider zu viele schon gut ‚gerüstet" kamen und nur noch versuchten, ihre Meinung "durchzukämpfen", und das auf beiden Seiten. Die Gesprächsleitung schien überfordert und versäumte es, unparteiisch, die an den Enden des Seiles zerrenden Parteien aufzufordern, doch mal darüber nachzudenken, wer eigentlich der Gegner in dieser Wahl sein wird.
Erst durch dieses Tauziehen wurde mir einiges klarer. Meine Vorbehalte gegenüber der Vereinigten Linken beruhen auf meiner Abneigung gegen dieses linke Getue ... "Lieber Wähler, wählen sie VL, aber es ist nicht so schlimm, wenn sie uns nicht wählen, Hauptsache links" ...
Da frage ich mich doch, wo ist links? Am linkesten sieht sich zur Zeit ja wohl die in die PDS gewendete SED. Und das scheint mir doch ein arges linkes Ding! Wer hat es denn in vierzig Jahren geschafft, dass so viele "Links" nur noch mit Restauration des alten Systems gleichsetzen und keiner mehr das Wort Sozialismus ungestraft in den Mund nehmen kann. Das wurde auch an diesem Abend deutlich. In der kommunalpolitischen Arbeit jedoch scheint mir wichtiger als alles linke und rechte Einteilen und Ausgrenzen ein Zusammengehen der Bürgerbewegungen als ein Gegengewicht zur Parteienpolitik zu sein. Denn die Parteien scheinen eher rechtslastig und - wie wir sehen können - durchaus einig. Wichtig für meine Entscheidung für die VL war ihre konstruktive Mitarbeit am Weißenseer Runden Tisch. Bei der Abstimmung nun drohte das Seil zu reißen, denn auch nach mehrmaliger Auszählung waren genau soviel für wie gegen ein Bündnis mit der VL. Und dann wusste keiner so recht, wie die Enthaltungen zu Werten sind. "Keine Mehrheit, brüllten die einen, "noch mal wählen", die anderen Was nun?
Die Abstimmung ergab: Noch einmal wählen. Und welch ein genialer Einfall, die rausgeschickten, noch nicht bestätigten, unabhängigen Kandidatinnen sollten nun mitwählen.
So kam die VL rein ins Bündnis, doch mit welchem Verlust! Denn wutempört verließen nicht wenige den Raum. Sie fühlten sich offenbar über den Tisch gezogen, andere gingen ermattet, zu fortgeschrittener Stunde, wohl enttäuscht von der endlosen Debatte. So schrumpfte auch noch die ohnehin geringe Anzahl der Kandidatinnen auf nur noch zwei, was mich besonders betrübte.
Auch wenn ein Weg kürzer ist, wenn man immer nur stur geradeaus geht, ist es schade, dass wir Weißenseer nicht unserem veränderten Wahlmotto: "Nicht links, nicht rechts - QUER!" treugeblieben sind. Den angekOHLten Politikern quer im Magen liegen, wenn sie uns zu fressen versuchen das ist unsere Chance!
Irena Kukutz
- NEUES FORUM -
die andere, Nr. 13, Do. 19.04.1990
