KOMMENTAR
Anatomie der Bürgerbewegung
Am Wochenende fand in Bernburg die Fortsetzung des länderweiten Treffens des NEUEN FORUM vom Mai dieses Jahres statt. Damals wurde die Autonomie der Länder beschlossen, jetzt lag die Rahmensatzung dafür vor.
Diese Satzung wurde jetzt verabschiedet. Das heißt, dass das NEUE FORUM als wichtigster Teil der Bürgerbewegung bestehen bleibt. Es will sich auch künftig an Wahlen auf allen Ebenen beteiligen können und eine politische Vereinigung bleiben. Somit zieht der Herbst 89 seine Furchen bis in das wiedervereinigte Deutschland.
Das war allerdings keine leichte Wiedergeburt, denn das NEUE FORUM war aus Anlass der Wahlen 89 eine Listenverbindung mit anderen Teilen der Bürgerbewegung eingegangen. Diese wollen nun in der nächsten Woche mit Beteiligung etlicher Mitglieder des NEUEN FORUM die Organisation Bündnis 90 gründen.
Heiko Lietz wurde oft zitiert: "Im Herzen das NEUE FORUM, im Kopf das Bündnis 90!" Nun haben sich Kopf und Herz getrennt was aber nicht bedeutet, dass im Kopf mehr Klarheit herrscht. Denn erst einmal blockierten sich die Kopfgeburten selbst, indem sie die Rahmensatzung ablehnten, die doch für autonome Länderentscheidungen über Bündnisse, Fusionen, Finanzen gebraucht wird. Immer wieder wurde das Zusammengehen der Bürgerbewegungen gefordert, weil uns dies stark machen würde gegenüber den Grünen, weil wir so wenige seien, weil wir so wenig Geld haben. Gute Gründe für ein Zusammengehen und -arbeiten. Aber in den letzten eineinhalb Jahren haben wir doch nichts anderes gemacht. Da, wo mehrere Gruppen vorhanden waren, man sich verstand, hat man auch ohne Beschluss von "oben" zusammengearbeitet und wird dies auch weiterhin tun. Woanders wird man sich andere Verbündete suchen. Auf jeden Fall werden diese Entscheidungen vor Ort getroffen werden und eine Garantie sein, dass Demokratie von unten wächst.
Die Beschlüsse von "oben" werden uns nicht näher bringen. Und besonders nah waren wir uns in Bernburg auch nicht immer, wenn es um Inhalte ging, war der politische Atem und der menschliche Blick zu kurz. So wurde die Debatte über die Ausländerproblematik zugunsten der Strukturdebatte abgebrochen. Und als es um die Unterstützung für die andere ging, die immerhin als einzige Zeitung im Ostblock die Oberen Zehntausend auf der Gehaltsliste unseres Staatssicherheitsdienstes veröffentlicht hat und deshalb einen Prozess erwartet, verging auch unserem Bundestagsabgeordneten Werner Schulz die Solidarität: Er stimmte gegen den Antrag auf finanzielle Unterstützung.
Das haben wir doch gelernt nicht wahr, Werner, dass Taten wichtig sind und nicht Worte: Wir müssen in ein Bündnis, damit wir stark sind, dann muss das Bündnis in die GRÜNEN, damit wir noch stärker sind. Und wer das nicht will bzw. wer Bürgerbewegung von unten wachsen lassen will, dem hauen wir auf die Finger und werfen ihm Blindheit für politische Erfordernisse vor.
Wenn das Herz ein bisschen Köpfchen behält, habe ich keine Angst um seine Zukunft. Doch ein Kopf ohne Herz kann nur gegen die Wand rennen. Wir brauchen die Stärke der Argumente und nicht die Stärke von Fraktionen. Zu den Argumenten kann man Verbündete finden, auch im Bündnis 90. Deshalb ist es gut, dass das NEUE FORUM eine Herausforderung für alle Parteien und ein Angebot für alle Menschen bleiben wird.
die andere, Nr. 38, 18.09.1991
die andere Veröffentlichte in den Nummern 12-16 die "Oberen Zehntausend auf der Gehaltsliste der Stasi". Was zu Verleumdungsklagen führte. Mediziner verlangten die Streichung ihres Namens. Die erste Überschrift lautete: "Die Hauptamtlichen". Die Überschrift wurde geändert in: "Die Gehaltsliste des MfS".
