Die Cowboys lungern im Saloon herum. Sie warten, was geschehen wird.

Deutscher Bundestag
Verwaltung
Abwicklungsstelle
Volkskammer

Ein Ständer mit diesem schönen Text zierte am Morgen des 4. 10. den Eingang des ehemaligen ZK und nachmaligen Hauses der Parlamentarier. Das Schild stand noch lange dort, obwohl die Abwicklung bald beendet war. Man kam sich in den endlos labyrinthischen Gängen wie im Spukschloss vor und musste ganz schön Courage haben oder sehr unempfindlich ich sein, wenn man in einem der Büros noch abzuwickeln hatte. Abends strich der Wind durch die Hallen, Wolken zogen drüber hin. Der berühmte Paternosteraufzug (Typ: Reichsfinanzminister Hjalmar Schacht) war abgestellt, und man musste durch gespenstische Treppenhäuser ins Freie. Die Sicherheitsbeamten, ein stark reduziertes Aufgebot, nahmen kaum noch Notiz vorn verschwindenden Besucher, während man sonst stets Ausweis oder Begleitschein brauchte. Gegen zehn Uhr kam die Wach- und Schließgesellschaft kontrollierend an und stellte fest, ob man tatsächlich noch arbeitete oder das Licht auszuschalten vergessen hatte.

Es war schwer festzustellen, wer hier überhaupt noch tätig war. Die 144 Parlamentarier und die portefeuillelosen vier Minister waren überwiegend in Bonn oder unterwegs über Deutschland im Flugzeug dorthin oder von dorther. Fraktionsarbeit fand in berlinbewusst patriotischem Rahmen (also gedämpft) im Reichstag statt, und im übrigen war ohnehin Wahlkampf irgendwo in der Provinz. An den Bürotüren des Hauses der Parlamentarier prangten noch die alten Aufkleber, Nie wieder Sozialismus". Einheit, Freiheit, Wohlstand", SPD für Apolda und Deutschland" und die restlichen 256 Abgeordneten, die sich selbst am 3. Oktober entlassen hatten, waren offenbar "vor Ort", wie das so schön heißt.

Das ganze Land kommt dir wie eine einzige Abwicklungsstelle vor. Ich war einige Wochen auf einer Vortragsreise im Ausland. Jetzt, da ich nicht mehr jede Woche über den neuesten Beitrittstermin kampfabstimmen und auch nicht als Kandidat mit dem Wahlkampfzelt durch die Dörfer tingeln muss, jetzt kann ich mir erlauben, eine Einladung anzunehmen. Im Ausland ist die ganze Abwicklung irgendwie abstrakt, irreal. Ein typisches Beispiel ist das real marktwirtschaftliche Phantom Treuhandanstalt. Wen wickelt sie ab, vielleicht sich selbst? Hier in Berlin ist Abwicklung körperlich spürbar. Zwei befreundete Ehepaare wohnen in der einstigen Stalinallee "im Haus Berlin", das völlig verrottet und wegen der zahlreichen Gaststätten mit Kakerlaken durchsetzt war. Seit gut anderthalb Jahren soll es rekonstruiert werden. Der Fahrstuhl ist stillgelegt, Leitungen und Rohre sind herausgerissen. Es ging nicht recht vorwärts in der Sozialismuszeit. Die Freunde klagten über das faule Nichtstun der Arbeiter. Entweder war ein Gewerk abgezogen oder kein Material da. Nach dem Beitritt herrschte plötzlich hektische Aktivität, es wurde Ordnung gemacht, alles gereinigt, der Fahrstuhl blieb verschlossen. Schließlich brachen die Brigaden ihr angefangenes Werk ab: Kein Geld mehr bei der Kommune und keins beim Staat. Es wird ein neuer "Rechtsträger" gesucht, und der kann nur aus dem Westen kommen. In der Zeitung stand neulich, dass das Haus für Wohnmieter zu teuer wird und deshalb ein Eros-Center werden soll. Da hätte das lange Warten in dem verdeckten Haus gelohnt - meine Freunde könnten einen Job im Puff annehmen, ohne lange Anreise.

Sie werden ihn brauchen. Unsere gemeinsame Arbeitsstelle, die Akademie der Wissenschaften der DDR, beglückte unlängst ihre Mitarbeiter mit einer neuen Ausgabe ihres achtseitigen Faltblattes "Mitteilungen der Zentraler, Leitung der Akademie der Wissenschaften". Die Überschrift hatte das gleiche Format wie früher, hatte aber eine weiße Lücke. Es hieß jetzt schmucklos: Mitteilungen der Abwicklungsstelle", Präsident Klinkmann war mit einem Leitartikel auf der ersten Seite vertreten, unter anderem: Unsere Wege trennen sich nun. Ich wünsche Ihnen allen persönliches Wohlergehen. Auf der nächsten Seite war ein Bericht des Vizepräsidenten, der uns die Auflösung gemäß Einigungsvertrag erklärte, eine Übergangsfinanzierung bis 1991 ankündigte (falls nicht vorher anders verfahren wird) und mitten im Satz seine Darlegung einstellte, als er gerade im Begriff war zu beklagen, dass nur wenige "Ausgründungen" stattgehabt hätten. Da hatte offensichtlich auch noch der Drucker versagt, und die Seite 4, auf die wir blättern sollten, war jungfräulich weiß. Vielleicht war auch eine Guillotine gefallen und hatte der Farce ein Ende bereitet.

Die Kollegen saßen beim Tee und lachten über die makabre Serie von Abwicklungsscheren. Und während ich saß und Abwicklungen beschrieb, heulten draußen Sirenen und knatterten Hubschrauber: Die Hausbesetzerei der Mainzer Straße wurde ebenfalls endabgewickelt, und zwar als Stellvertreterkrieg zwischen Westpolizei und Westszene auf östlichem Schauplatz - so muss es gewesen sein, als Engländer und Franzosen auf indianischem Boden um Massachusetts rauften. In Amerika nennen sie das Kolonialkrieg. Ich habe gerade das einschlägige Museum in Portsmouth, New Hampshire besichtigt.

Das ist das unrühmliche Ende der Akademie, der Leibniz-Sozietät, die schon schlimmere Tage gesehen hatte (z. B. als der Soldatenkönig den Präsidenten als Clown zum Tabakskollegium bestellte), freilich auch bessere, denn in den Archiven sind immerhin die Schriften von Leonhard Euler, Helmholtz, Einstein und Max Planck. Richtige Forschungsinstitute hatte sie allerdings damals nicht, eher einmal ein Forschungsbüro für einen tiefen Denker, oder das berühmte kleine Observatorium in Potsdam. Nach 1945 war sie nach sowjetischem Vorbild zu einem Forschungsverband mit Instituten aufgebläht worden, daneben weiterbestehend die Gelehrtengesellschaft alten Typs. Jetzt wird das zu fett gewordene Schwein der Abdeckerei zugeführt. Dass die Gelehrtengesellschaft (die weiterbestehen wird) nach dieser Amputation und mit ihrer Vergangenheit sich je wieder erholen wird, wo ohnehin solche Akademien weltweit überwiegend zu Altherrenklubs degenerieren, das erscheint mir sehr zweifelhaft.

Die Mitarbeiter rings um mich sind bis auf wenige wendige Ausnahmen gelähmt. Wie auch anders: Von "kompetenter Seite" wird ihnen erklärt, dass die DDR-Wissenschaft "eine Wüste" war, dass die Universitäten und Akademieinstitute überwiegend aus den berüchtigten Seilschaften bestanden und wenig Neigung zur Selbstreform gezeigt haben. Die Bewertungskomitees reiten durchs Land und fragen jeden, welche Artikel veröffentlicht wurden und mit welchen Instituten der internationalen Gelehrtenwelt man Kontakt hatte. War man keine Seilschaft. dann sieht es natürlich dünn aus, darin bestand ja gerade der viel beklagte wüste Stalinismus. Außerdem ist jedem hinreichend oft klargemacht worden, dass der Personalbestand dringend der Abspeckung bedürfe. Wer also jetzt wagt, einen kühnen Antrag auf Forschungsfinanzierung oder Neugründung einer Forschergruppe zu stellen, der ist entweder alte Seilschaft oder neuer Konjunkturritter, ist außerdem größenwahnsinnig und geht der Hälfte seiner bisherigen Kollegen sozial an die Gurgel, weil er ja schlankes Kaderprofil vorschlagen muss, wenn er überhaupt eine Chance haben soll. So schuftig will man nicht sein, also hält man sich zurück und wartet darauf, dass aus Bonn oder sonst von oben vorgeschrieben wird, wer der Macher werden soll und wie viele Leute bleiben dürfen. Alle warten auf dieses Machtwort. So erzählen es mir viele, nicht nur aus der Akademie, auch aus Betrieben und Verwaltung, und sie sind entweder bereits arbeitslos oder warten darauf. Das Machtwort kommt aber nicht. Vielmehr sind alle laut Einigungsvertrag auf Zeitverträge gesetzt oder erhalten von der Treuhand Liquiditätskredite, bis sie sich entweder aufrappeln oder vorn Karussell hinunterrutschen. Unser Bewertungskomitee war sehr freundlich und hatte Mitleid. Über sein Urteil wurde lediglich eine Kurzfassung bekanntgegeben, ungefähr das Orakel von Delphi: Nichts im Übermaß! Und: Erkenne dich selbst! Ist ja klar: Sie wollen nicht unkollegial sein und schon gar nicht den sozialen Scharfrichter spielen. Die Wetten stehen nun so, dass Bonn irgendwann einen Etat auswirft wie der Tierwärter das Fleisch: Soviel ist da, nun werdet euch selbst einig! Dann wird es marktwirtschaftlich werden im Raubtierkäfig.

Aus meiner Medizinerzeit fällt mir das Krankheitsbild der apathischen Depression ein. Diese Kranken konnten einen mit ihrer Verzweiflung fast anstecken. Da saß nun die schwermütige schöne Frau ohne jeden Antrieb und reagierte auf keinen Aufmunterungsversuch. In allem sah sie nur Trauriges, die wenigen Sätze, die sie antwortete, zeigten hoffnungslose Resignation und eine völlig uneinfühlbare und unbeeinflussbare Aggression gegen sich selbst. Sie stand am Fenster, sah ins Weite, hielt sich für lebensuntüchtig und todeswürdig und konnte in plötzlichem Impuls vom Balkon in den Tod springen.

In früheren Jahrzehnten konnte man diese Patienten allenfalls gut beaufsichtigen und in Zimmer mit Gitterfenstern und ohne Handtücher und Werkzeuge bringen. Heute gibt es Drogen, die den akuten Trübsinn dämpfen, allerdings kaum den Lebensmut heben können. Irgendwann (hoffentlich) vergeht der Anfall, und eine lange Genesung (mit Rückfallgefahr) setzt ein.

Viele DDR-Bürger zeigen Symptome dieser Depression, und das ist nach dem fröhlich-aufsässigen Herbst '89 ein überraschender Kontrast. Viele hatten die Illusion, dass die tranige Apathie nicht lane dauern wird und es im Herbst losgeht. Entweder mit Schwung oder mit Wut. Ein heißer Herbst. Dazu ist es nicht gekommen, und wir haben bald Winter.

Das Symptomenbild stimmt auch nicht vollständig. Zum Beispiel sind wir alle geschäftig, anders als der Depressive. Im Betrieb beispielsweise, auch wenn alles vergebens gewesen sein wird, wenn nächstens die Auflösung kommt. Wir rennen auf Hunderte Ämter und stehen in Dutzenden Schlangen nach Anträgen, Bankkonten, Informationen, Krediten, Kindergeld, Wohnungsausbau Kredit, Lohnsteuerkarte. In der Sparkasse sah ich neulich Christa Wolf, leibhaftig weit vor mir in der Schlange stehend. Sie kam nach einer halben Stunde dran und erkundigte sich, wie man neuerdings einen Dauerauftrag auslöst. Im Dorf hat der LPG-Vorsitzende allen angekündigt, dass es bald nicht mehr gehen wird. Die Kasse ist leer und Investition nicht mehr sinnvoll. Da sind sie dann ohne Arbeit wie ihre Voreltern ohne Brot und müssten eigentlich wie diese in die Stadt abwandern. Aber wohin? Nur die Wendigsten, die Alleinstehenden, wagen den Schritt und werden z. B. Kraftfahrer in Frankfurt oder Köln. Jedes dritte Wochenende sind sie zu Hause und schlafen sich aus. Andere warten ab und hoffen wie auf besseres Wetter. Merkwürdig ist, dass sich fast alle von den Ersparnissen ein Westauto gekauft haben. Sieh dir in der Großstadt die Leute in den schicken Autos mit der frischen Ostnummer an: Da ist merkwürdigerweise keine Konsumprotzerei zu spüren, kein Vorzeigestolz. Das Auto ist eher eine Art Schneckenhaus. Es schottet ab. Es ist mehr ein Panzer als eine feine Kutsche. Überall stehen die alten, zu eng gewordenen Hüllen herum: ausgeweidete Wartburgkarkassen am Straßenrand. Das war unser Konsumstolz, bevor wir in diese neumodisch-dunkle, runde Haut geschlüpft sind. Den Eindruck des scheu Verborgenen verstärkt, dass die Autos so leise fahren und ihre Türen nicht knallen.

Kribblig-vertrante Depression also. Wer in der Stilepoche "Später Sozialismus" zwei Tage und zwei Nächte im Abteil des Orient-Expresses Richtung Sofia, Schwarzmeer, eingeklemmt war, weiß, was ich mit der Eigenschaftswortfügung ausdrücken will. Wir sitzen im überfüllten Zug in die Zukunft und hoffen bei jedem Markierungspunkt auf Erlösung, hoffen darauf, dass wenigstens einige von der schwitzenden Meute aussteigen und nicht neue dazukommen werden. Vor einiger Zeit warteten wir - ja, worauf eigentlich? Also im Juni war es das Umstellungskonto. Dann das neue Geld. Vorher, im November, war es ein Visumsstempel. Dann waren irgendwie 100 Mark 1:1 und weitere 100 Mark 1:5, macht im Schnitt 1:3. Das kam uns großartig vor. Jetzt kommen wir zum vierten Mal aus dem Wahllokal. Natürlich wussten die meisten genau, wen wir zu wählen hatten, hindurch durch die Talsohle, bloß den Lokführer jetzt nicht aufhalten, nur ja nicht die Pferde vor Torschluss wechseln. Wir warten auf die befreiende Explosion, das klare Wort nach dem 2. Dezember. Oder wir winken ab und verfallen in passiven Stumpfsinn. Manche brechen in einen Bewegungssturm aus, bekommen Platzangst im zu engen Abteil.

Wie nun, wenn das alles gar kein Zwischenstadium ist? Wer sagt denn, dass der Zug sich irgendwo entleeren wird? Vielleicht bleibt es eng und heiß und ohne Luxusspeisewagen mit überfüllten Gängen? Sind wir in unserer Eile, in Schlaraffia anzukommen, nicht wie der kleine Junge bei Hans Fallada, der immer wieder am Hosenknopf dreht und dadurch die Zeit beschleunigt? Mit ein paar Dutzend Drehungen hat er sein Leben vergeudet.

Afrika verhungert und Bangladesh ertrinkt. Das gibt unseren Leiden das richtige Urteilsmaß. Es ist billig zu predigen, aber was wir brauchen, ist stoischer Gleichmut. Es muss ohne diesen hektisch-verdrossenen Trübsinn möglich sein.

Jens Reich

die andere, Unabhängige Wochenzeitung für Politik, Kultur und Kunst, Nr. 51, Mi. 19.12.1990

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