Massenschwur aufs goldene Kalb
Vor den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen
Zum Adventssonntag nun also auch noch eine Bundestagswahl. Ich habe etwa 10 solcher Wahlen als Zuschauer miterlebt, vor dem Radioapparat oder dem Fernsehschirm. Gab es je eine Wahl, deren Ergebnis mir im voraus so gleichgültig war wie diese erste, an der ich nun selbst teilnehmen darf?
Warum die Menschen im alten Bundesgebiet so wenig Interesse an der Wahl zeigen, kann ich nicht schlüssig beantworten. Aber hier bei uns, "im Beitritt", liegt es an einem grotesken Missverhältnis zwischen dem politischen Angebot und der Interessensage. Die Parteien der Bundesrepublik werben zu Hause um eine Wählerschaft, die sich politisch durch ihre wirtschaftlich-soziale Position in einer hochdifferenzierten Gesellschaft bestimmt. Ein dynamischer Unternehmer, ein wohlhabender Apotheker, eine alleinerziehende Ladenkassiererin, ein Aktienbesitzer, ein Versicherungsagent - sie und alle anderen sind im Westen durch ihr wirtschaftliches Interesse meilenweit voneinander getrennt. Sie haben sehr genaue und einander weitgehend ausschließende Vorstellungen davon, was die Partei, die sie wählen wollen, ordnungspolitisch, steuerpolitisch, sozialpolitisch usw. durchsetzen soll.
Wir im Osten sind dagegen, von Ausnahmen abgesehen, noch die amorphe politische Klasse, die der Sozialismus hervorgebracht hat. Noch vor einem Jahr waren in der DDR der Meistergeiger und die Reinigungskraft trotz aller Unterschiede in ihrer Lebenswelt durch den politischen Wunsch nach Freizügigkeit und durch analoge Forderungen geeint, die undifferenziert für nahezu jeden zutrafen. Der in Jahrzehnten gewachsene Überdruss an der Fesselung und der Misswirtschaft, an der Bevormundung und Bespitzelung, brachte die Massenunterstützung für die Bürgerbewegungen des Herbstes 1989.
Als die Fesseln und Knebel entfernt wurden, gab es den mehrheitlichen Wunsch nach Rückkehr ins gemeinsame Deutschland, machtvoll gefördert durch die Aussicht auf ein materiell besseres Leben, auf die D-Mark. Freiheit, Wohlstand, Einheit: Das waren die Zielvorstellungen des Frühjahrs, die die Wahl spannend machten, weil man sie entweder bejahte oder als Illusion ablehnte. Dazu kam als einigendes Ziel noch die Ablehnung der PDS, wobei das Volk sich heute enttäuscht zeigt, dass die März- und Mai-Abwahl dieser Partei aus der Regierung das Lebensumfeld keineswegs in ein Paradies verwandelt hat. Daher erklärt sich der Restbestand an dumpfer Einigkeit, dieser prasselnde Beifall, den jeder Wahlredner wecken kann, wenn er auf die "alten Seilschaften" oder "das unselige Erbe aus vierzig Jahren Sozialismus" verweist.
Der Unmut über die Seilschaften ist merkwürdig angerichtet abstrakt. Natürlich sitzt in der Büroetage des Betriebes oder Amtes noch annähernd die gleiche Besatzung wie vor einem Jahr - in den Werkhallen ist es ja ebenso. Aber nach meiner Meinung ist der überwältigende Einfluss der alten Seilschaften genau so ein Märchen wie der einer fortdauernden Ausspähung durch die Stasi. Wir bilden uns lediglich ein, dass unsere täglichen Nöte, die Unfähigkeit der Ämter und Kommunen, eine verbindliche Auskunft zu geben, die endlosen Schlangen, all der Leerlauf und die gefährdeten Arbeitsstellen, dass das alles das Werk böser Einflüsse ist, von Saboteuren.
Was wir tatsächlich erleben, ist ein totales bürokratisches Chaos ohne Gesetz und Zuständigkeit, verschlungen mit einer tiefsitzenden Motivierungskrise, die es uns unmöglich macht, die auftretenden Schwierigkeiten als bekämpfbar anzunehmen. Wir sind im Kopf noch weitgehend im Sozialismus, und unsere Reflexe funktionieren noch sozialistisch. Zum Beispiel indem wir überall nach dem Staat um Hilfe rufen, obwohl wir ursprünglich die Übermacht des Staates abschaffen wollten. Und diese Kluft zwischen altem Weltbild im Kopf und tatsächlichen neuen Lebensumständen, verbunden mit den stereotypen Urteilen, die uns aus dem Westen gepredigt werden, diese Kluft bringt uns dazu, die Widersprüche, das Unbehagen, die Angst zu personalisieren. Eine Art Animismus ist das, wo der Mensch den Kampf gegen die übermächtige zweite Natur personifiziert, indem er überall gute und böse Geister erfindet.
Hier sehe ich auch den tieferen Grund für die bleierne Wahlmüdigkeit. Sie kommen aus dem Westen - wie Bonifatius und seine irischen Mönche zu den Germanen - und wollen uns überzeugen, dass es nichts ist mit den alten Göttern und bösen Geistern, dass wir der neuen Verkündigung glauben, vertrauen sollen. Sie reden uns den neuen Glauben auf. Die meisten von uns sind auch zur Taute bereit, bauen den schwer durchschaubaren Ritus jedoch in ihr Götter- und Geister-Bild ein. Unser alter Glaube wird zum Aberglauben, der hinter der neuen Lehre weiter wuchert. Und wenn dann Kohl und Lafontaine einander im Wahlkampf verhaken, dann gefällt uns das nicht - wir wollen eine Wahrheit und nicht die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Sekten, Konzilien und Lehrmeinungen der Kirchenväter.
"Genschman wählen, deshalb FDP" das ist die wirksame Losung. Man bietet eine Legende als Identifikationsmaske (der Ritter aus Halle auf großer Fahrt in der Fremde und seine Heimkehr) und spekuliert auf die (durch die Medien vorgepflügte) Bereitschaft, sich mit dieser Brille und diesen Ohren zu identifizieren.
Dass es die FDP-Wählerschicht "politökonomisch" in der DDR bis jetzt bestenfalls im Embryonalzustand gibt, ist dabei vorläufig unerheblich. Es ist wie Massentaufe bei den Germanen, ganz locker wird die neue Lehre ans überkommene Weltbild außen an-geklebt und die Stammesfürsten mit dem Charisma der neuen Gnade gesalbt. Es dürfen durchaus viele der alten Stammesfürsten als Personen übernommen werden. Sie werden neu funktionieren, weil sie ins persönliche Lebensverhältnis eingebunden sind. Die Wahl ist der vierte Massenschwur auf die neue Herrschaft, auf das goldene Kalb. Wir wählen brav, was man von uns erwartet: 45% CDU, 10% FDP, 25% SPD, 10% Grün - das sind die neuen Orden. Die restlichen 13% gehen an die alten Heidenpriester - sie werden noch als Reibebaum benötigt, sie sind immer dann der Hexerei schuldig, wenn der Blitz eingeschlagen hat.
Freitag Wochenzeitung Nr. 49, Fr. 30.11.1990
