Ruth Misselwitz

war Schwesterschülerin im St. Hedwig Krankenhaus in Berlin. Sie wollte klinische Psychologie studieren. Nach der Ablehnung schrieb sie ein Beschwerdebrief an die Humboldt-Universität Berlin. Dort wurde ihr in einem Gespräch mitgeteilt, ihr fehle die gesellschaftspolitische Reife. Sie studierte dann Theologie an der Humboldt-Universität Berlin und am Predigerseminar in Gnadau.

Pfarrerin an der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Pankow in Berlin seit 1981.

Sie und ihr Mann Hans-Jürgen nahmen in den 70er Jahren an einem "Ardorno-Gesprächskreis" teil. Zusammen mit ihrem Mann u.a. gründete sie den Friedenskreis Pankow 1981 - eine der wenigen Friedenskreise, die die "Wende" überlebt hat.

Gegen den Friedenskreis fuhr die Staatsgewalt viel "manpower" auf. Nicht nur mit IMs, sondern auch mit sogenannten "gesellschaftlichen Kräfte", SED-Genossen.

Mitarbeit bei "Konkret für den Frieden". Mitglied im Gesprächskreis "Frieden und Theologie". 1984 unterschrieb sie den Aufruf "Die Mahnung von Barmen an uns". Teilnehmerin an einem Treffen einer US-amerikanischen Delegation mit kirchlichen Amtsträgern 1987. Sie bedauerte, dass es in der DDR keine genehmigte politische Opposition gebe und somit auch immer mehr kritische Kräfte, auch Marxisten, sich in kirchlichen Räumen zusammenfinden würden, was die Gefahr des politischen Missbrauchs der gebotenen Möglichkeiten berge.

Sie solidarisierte sich mit den Festgenommenen nach der Luxemburg-Liebknechtdemo 1988 in Berlin.

"Auf der einen Seite brauchen wir die westlichen Medien, um Dinge bekannt zu machen. Bei den Freilassungen vom Februar haben sie sicher geholfen. Auf der anderen Seite liefern sie immer gleich Meinungen und Emotionen mit." Ihre Haltung zu den westdeutschen Medien sei deshalb zwiespältig. "Außerdem lösen die Westmedien unter uns ein ungutes Konkurrenzverhalten aus. Jeder guckt: Wer war in der Tagesschau und wer nicht? Und sie bauen Helden auf. Vera Wollenberger zum Beispiel wurde stärker gezeigt, als sie ist. Hätten sie auch ihre Schwächen gezeigt, hätten die Leute ihr später nicht übelgenommen, dass sie gegangen ist." (1)

Eine Erklärung vom 15.04.1989 unterschrieb sie, in der begründet wird, warum sie an der Kommunalwahl am 07.05.1989 nicht teilnehmen werde. Von geheimer und freier Wahlen kann nicht die Rede sein. Eigene Kandidaten konnten nicht aufgestellt werden, wird neben anderem als Begründung angeführt.

Der Friedenskreis ihrer Gemeinde lud einen Vertreter des Rats des Bezirks Pankow zu einer Veranstaltung, "Wahl am 7.5.1989" ein.

Delegierte des Bundes der Evangelischen Kirchen bei der Europäischen Ökumenischen Versammlung "Frieden in Gerechtigkeit"in Basel 1989. Nach der Niederschlagung der Proteste in Peking 1989 demonstrierte sie vor der chinesischen Botschaft.

Sie und ihr Mann bekamen vom Gründerkreis der SDP den Auftrag bei ihrem Aufenthalt in der BRD im Oktober 1989 mit der SPD Kontakt aufzunehmen. Was sie auch taten.

Moderatorin des Runden Tisches in Berlin-Pankow.

Sie unterzeichnete die Erklärung "Christen brauchen keine Garnisonkirche!".

Studien in Südafrika absolvierte sie 1993. Mitglied in der Landessynode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg 1996-2001. Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste e. V. seit 2001. Seit 2009 Kuratoriumsmitglied bei der Stiftung Friedliche Revolution.

Im Jahr 2000 wurde sie mit dem Gustav-Heinemann-Bürgerpreis der SPD ausgezeichnet.

Als Vorbild gab sie die Theologien von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer und die Bekennende Kirche an. Ihr Bild von einer Gemeinde prägen die Feministische Theologie und die Befreiungstheologie aus Lateinamerika. Durch die Herausforderung alle politischen Aktivitäten gegenüber dem Gemeindekirchenrat begründen zu müssen, erhöhte ihre theologische Kompetenz deutlich, meinte sie rückblickend. Und, wir wollten etwas Neues wagen. Das ist uns nicht gelungen.

Beim MfS gab es Überlegungen sie in einen Verkehrsunfall zu verwickeln. Als das MfS in der Wohnung unter ihnen eine Abhöranlage installieren wollte verweigerten dies die SED-Genossen die unter ihnen wohnten. Das MfS musste auf die andere Straßenseite ausweichen.

(1) Die Zeit, Nr. 12, 18.03.1988

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