DDR 1989/90 Brandenburger Tor

Wolfgang Templin

musste seine Lehre als Buchdrucker aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Ließ sich zum Bibliothekfacharbeiter ausbilden. Legte ein Teilabitur an der Abendschule ab.

Studierte Philosophie an der HU Berlin. Dort war er studentischer Parteigruppenorganisator.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1976/77 einjähriger Studienaufenthalt an der Universität in Warschau. Er knüpfte Kontakt zur polnischen Opposition. Bei seiner Vorstellung am Zentralen Runden Tisch im Januar 1990 gab er als Beruf Philosoph an.

FDJ-Sekretär. SED-Mitglied von 1970-1983. FDJ-Sekretär. SED-Mitglied von 1970-1983. Weiter Mitgliedschaften in FDGB, DSF, DTSB und GST.

Kontakt zum MfS seit 24.09.1971. "Der Kandidat erklärte sich ohne Zögern sofort zur Zusammenarbeit bereit", ist in den MfS-Akten zu lesen. IME "Peter" geworben am 12.01.1973.

Er war 1974 Mitbegründer einer trotzkistischen Gruppe an der HU Berlin. Dort offenbarte er seine IM-Tätigkeit am 24.10.1975. Zusammen mit seinen Genossen beriet er seinen Ausstieg. Seine späteren Mitstreiter informierte er erst nach dem Ende der DDR über seine früheren MfS-Kontakte.

Zu Beginn ist das MfS voll des Lobes. "Soweit bisher eingeschätzt werden kann, geht der Kandidat in seinen Handlungsweisen vom Klassenstandpunkt aus. Er steht fest auf dem Boden unserer Weltanschauung." Und: "Die dem Kandidaten bisher gestellten Aufgaben, insbesondere Informationen über Stimmungen zu politischen Ereignissen, Einschätzungen anderer Personen usw., zeigten in ihrer Erfüllung ebenfalls die Tauglichkeit des Kandidaten in der Form, dass seine angefertigten Berichte objektiven Charakter trugen, und er bemüht war, subjektive Einschätzungen wegzulassen."

Nach seinem Ausstieg schätzte in das MfS als fanatischer Feind der DDR ein. Gegen ihn wurde der Operative Vorgang "Verräter" eingeleitet. Dort wird berichtet: "Das bisherige Aufsuchen von 50 Betrieben und Einrichtungen war bei der Suche nach Arbeit erfolglos." Es werden zahlreiche Zersetzungsmaßnahmen des MfS eingeleitet, z.B. die Aufgabe von Anzeigen in Zeitungen unter seinem Namen. Dort wurde Rares für Bares angeboten, was Wolfgang Templin viel Mühe kostete die Sache gegenüber den Interessenten aufzuklären. In seinem Namen wurden Antwortkarten auf Zeitungsannoncen geschickt. Was ihm allerlei Mühe, Nerven und Zeit kostete, die Dinge richtig zu stellen.

Mitglied der Arbeitsgruppe "Arbeit und Bildung". Er hatte Kontakte zur dresdner Gruppe "Wolfspelz". Nahm am "Arbeitskreis Theologie/Philosophie" teil. 1984 kritisierte er in einem Thesenpapier Bewegungen wie z. B. Charta 77 mit den Worten: "Die politische Programmatik und Zielvorstellungen dieser Gruppen machen die oft unkritische Orientierung am westlichen Demokratiemodell deutlich." Er sprach sich für die reale Vergesellschaftung über die demokratische Selbsttätigkeit der Produzenten aus. (1) Er gehörte der "Kontaktgruppe Charta '77", die sich 1985 bildete, an. Im Januar 1986 richtete er u. a. einen öffentlichen Appell an die Volkskammer.

Gründungsmitglied der Initiative Frieden und Menschenrechte Anfang 1986. Mitherausgeber ihrer Publikation "Grenzfall". Unterschrieb im April 1986 einen offenen Brief, in dem gegen US-Angriffe auf libysche Städte protestiert wurde. Im November 1986 unterschrieb er das Memorandum "Das Helsinkiabkommen mit wirklichem Leben erfüllen". Unterzeichnete ein Brief von Ludwig Mehlhorn an Erich Honecker vom 01.11.1986. Ihn ihm wird um die Einstellung des Verfahrens gegen Reinhard Lampe ersucht. Reinhard Lampe, spätere Mitbegründer der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt, hatte am 13.08.1986 gegen die Berliner Mauer protestiert.

Im November 1987 wurde er festgenommen. Der Vorwurf lautete Herstellung staatsfeindlicher Schriften. Erneute Festname am 10.12.1987. An seinem Körper trug er versteckt ein Transparenz mit der Aufschrift "Weg mit den Berufsverboten und Landesarrest". Er wollte es am Abend während einer Veranstaltung in der Gethsemanekirche in Berlin zeigen.

Verhaftung während der zweiten Verhaftungswelle am 25.01.1988 im Zusammenhang mit der Luxemburg-Liebknecht Demonstration. Er selbst stand unter Hausarrest und konnte an der Demo nicht teilnehmen. Anwaltlich wurde er und seine Frau Regina von Lothar de Maizière vertreten.

Abschiebung in die BRD. Er lebte in Bochum. Nach den Verhaftungen am 17.01.1988 wurden ihm von Vertretern verschiedener Gruppen schwere Vorwürfe wegen seines Agierens im Vorfeld der Luxemburg-Liebknecht Demonstration am 17.01. gemacht.

Er unterstützte die Ausreisergruppe "Staatsbürgerschaftsrecht der DDR" und ihren beabsichtigten Protest auf der Luxemburg-Liebknecht-Demo 1988 in Berlin. Kritiker warfen ihm vor die Ausreiser und die Basisgruppen getäuscht zu haben. Den Ausreisern sagte er, die Oppositionellen würden teilnehmen und den Basisgruppen, die IFM würde ohne die Ausreisern teilnehmen. Die IFM hatte eine Teilnahme aber vorher abgelehnt. Rückkehr in die DDR im November 1989.

Vertreter der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) am Zentralen Runden Tisch. Dort vertrat er die Ansicht, in Verhandlungen mit der Bundesrepublik müsse erreicht werden, dass es westdeutschen Geheimdiensten definitiv nicht möglich ist, Zugriff zu den MfS-Akten zu erhalten. Und er stellte die Frage, wie es erreichbar sei, nach der Befreiung von einem diktatorischen Geheimdienst nicht wieder von einem demokratisch-legitimierten Geheimdienst beglückt zu werden. Er war auch Vertreter der IFM am Runden Tisch in Berlin-Pankow.

Sprecher der IFM. Mitglied im Redaktionsbeirat der Zeitung "Die Andere". Mitarbeiter der Volkskammerfraktion Bündnis 90. Projektmitarbeiter des DGB.

Die Solidarność lud ihn und andere DDR-Oppositionelle zu Gesprächen am 03.01.1990 nach Warschau ein. Während der Luxemburg-Liebknecht-Demo in Berlin am 14.01.1990 protestierte er gegen die SED/PDS. Im Februar 1990 unterschrieb er eine Gemeinsame Erklärung von Polen und Deutschen.

Kandidierte auf der Landesliste der Grünen in NRW 1990 für den Bundestag. Bis 1992 im Bundessprecherrat von Bündnis 90. Auf der ersten Delegiertenkonferenz von Bündnis 90 im Mai 1992 brachte er einen Änderungsantrag ein, der vorsah, neben Gespräche mit den Grünen gleichzeitig auch Gespräche mit der Ökologisch-Demokratischen Partei und den Liberalen Demokraten zu führen.

Schrieb in der Zeitschrift "Junge Freiheit". Solidarisierte sich 1994 mit Rainer Zitelmann. Unterzeichnete den "Berliner Appell" 1994. Er bedauerte 1994, das Streben nach Einheit, der Bevölkerungsmehrheit in der DDR, nicht von Anfang an mitgetragen zu haben. Wolfgang Templin war Vorstandsmitlied und Vorstandsvorsitzender der "Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus". Austritt aus der Gedenkbibliothek 1995 verbunden mit der Forderung der Gedenkbibliothek den Geldhahn zuzudrehen.

Von 1994-1996 im Museum Haus am Check-Point-Charlie beschäftigt. Wurde im November 1996 als bündnisgrünes Parteimitglied gestrichen. 1999 Ausschluss aus dem Verein "Arbeitsgemeinschaft 13. August e. V.". Klagte sich vor Gericht wieder ein. Im Streit um die Veröffentlichung der Stasi-Akten von Helmut Kohl wandte er sich dagegen Teile der Akten zu sperren.

Verlies nach nur einem Tag den Gesprächskreis "Innere Einheit" des CDU-Spitzenkandidaten für die Berliner Abgeordnetenhauswahlen im Oktober 2001, Frank Steffel. Anlässlich des 40. Jahrestages des Mauerbaus 1961 protestierte er mit einem Transparent gegen die Zusammenarbeit von SPD und PDS in Berlin. Er sprach sich 2004 für die Montagsdemos gegen Hartz IV aus. Im November 2004 wurde er von dem Berliner Kultursenator Flierl (PDS) in einen Ehrenrat zur Überprüfung von Stasi-Kontakten berufen. Im Mai 2005 unterschrieb er die Erklärung "In den trüben Fluten der Ostalgie", in der eine Erklärung des Willy-Brandt-Kreises kritisiert wird.

Er nannte die Teilnehmer, der Demo am 15. Januar 1990 vor der Stasizentrale in Berlin, zu der er selbst gehörte, später "unbeschreiblich naiv". In der Stasizentrale lief er und Carlo Jordan zufällig Heinz Engelhardt, zu diesem Zeitpunkt "Hausherr" des Komplexes, über den Weg, der sie zum Wodka einlud. In einem Rückblick behaupte er die IFM sei schon Jahre vor der Wende zu dem Schluss gekommen, dass Demokratie nur mit Marktwirtschaft möglich sei.

Im Mai 1987 unterschrieb er eine Brief an Gorbatschow in dem es heißt: "Uns geht es nicht darum, bürgerliche Verhältnisse nach westlichem Muster zu übernehmen, sondern ein Gesellschaftssystem zu fördern, das die Einheit von Demokratie und Sozialismus ermöglicht." Im Juli 2011 protestierte er gegen die beabsichtigte Verleihung des Quadriga-Preises an Wladimir Putin. Im Dezember 2014 unterschrieb er eine kritische Antwort auf den Aufruf "Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!". Er unterschrieb eine Gemeinsame Erklärung zu Chemnitz vom 05.09.2018.

Er unterschrieb einen Offenen Brief an die Kommission "30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit" vom 29.05.2019. Darin wird gefordert, den Beginn der Feierlichkeiten nicht auf den 9. November, wie bisher geplant, sondern auf den 9. Oktober zu datieren.

Er unterschrieb die Offene Erklärung vom 18.08.2019 "Nicht mit uns: Gegen den Missbrauch der Friedlichen Revolution 1989 im Wahlkampf", durch die AfD.

Wolfgang Templin schreibt u. a. in der Berliner Morgenpost. Schon vor dem Herbst 1989 schrieb er in der Berliner Tageszeitung. Mitorganisator von Gruppenreisen u. a. nach Polen. 2009 Schauspieler in einem Stück im Hans-Otto-Theater in Potsdam. Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Warschau 2010-2013. Wolfgang Templin hat durch seine Familiengeschichte und sein einjähriger Studienaufenthalt in Warschau eine besondere Beziehung zu Polen.

Wolfgang Templin wird von manchen auch "Wölfchen" genannt.

Im November 1986 bekam er den satirischen Orden "Goldenes Ventil". 2009 Dialog-Preis der Deutsch-Polnischen-Gesellschaft. Am 04.05.2015 wurde im in Frankfurt (Oder) der Viadrina-Preis verliehen.

(1) Klein, Thomas: "Frieden und Gerechtigkeit!", Die Politisierung der Unabhängigen Friedensbewegung in Ost-Berlin während der 80er Jahre

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