Klaus Wolfram

studierte Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Er war 1974 Mitbegründer einer marxistischen Gruppe an der HU Berlin. Bei der Stasi liefen sie unter dem operativen Vorgang "Kreis". Wir wollten die Regierung stürzen, sagte er in einem Interview. (1)

Mitarbeiter im Institut für internationale Politik und Wirtschaft (IPW). 1977 Ausschluss aus der SED und Entlassung beim IPW wegen "trotzkistischer Theorien". Verbot von wissenschaftlicher Arbeit in der DDR.

Arbeit in einer Fabrik. Darüber sagte er: "Die vier Jahre in der Fabrik waren für mich wie einen Befreiung, ein Lebenselixier. Da habe ich die DDR erst wirklich verstanden". (2)

Er war Koordinator der Programmkommission des Neuen Forum. Mitglied im Landessprecherrat des NF. Nahm am 08.12.1989 neben Bärbel Bohley und Jens Reich an einem Gespräch mit MfS-Offizieren teil. Im Sommer 1990 nahm er zusammen mit Bärbel Bohley und anderen an Gesprächen mit der PDS über eine gemeinsame Partei, die zur Bundestagswahl antreten sollte, teil. So sah es wohl die PDS. Den NF-Vertretern ging es aber wohl darum, eine Liste mit Persönlichkeiten aus Ost und West für die Bundestagswahl auf die Beine zu stellen. Keine Parteienwahlliste.

Auf dem Treffen der Initiativgruppe des Neuen Forum am 03.12.1989 schlug er zusammen mit Reinhard Schult vor, einen Aufruf zur Selbstverwaltung der Betriebe und der Errichtung von Belegschaftsräten zu verfassen. (3) Nachdem er am 02.05.1990 auf einer PDS-Kundgebung gegen ihre drohende Enteignung gesprochen hatte, wurde er von seinen Mitstreitern heftig kritisiert.

Gesellschafter der Verlagsgesellschaft Basisdruck GmbH. Herausgeber der Zeitung "die andere". 1992 wurde der Verlag zu einer Geldstrafe wegen der Veröffentlichung der Namen von Spitzenverdienern des MfS verurteilt. Geklagt hatten Ärzte des Fußballclubs Dynamo Berlin, die zwar auf der Gehaltsliste des MfS standen, aber keine hauptamtlichen MfS-Mitarbeiter seien, wie es aus der Veröffentlichung der Zeitung "die andere" hervorging.

Er erklärte sich bereit ins Gefängnis zu gehen, um den Konkurs der Zeitung abzuwenden. Das Schmerzensgeld und die Prozesskosten gingen in die Hunderttausende. Es wurden rund 200 000 DM bezahlt. Weitere Zahlungen wurden durch den Konkurs des Verlages abgewendet.

Vorstandsmitglied in der Stiftung "Haus der Demokratie" (HdD) in Berlin. Geschäftsführer des HdD. Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Robert-Havemann-Gesellschaft. Mitherausgeber der Zeitschrift "Sklaven". Er beteiligte sich am Hungerstreik der Kali-Kumpel in Bischofferode. Er kritisierte 1995 das Treffen Bärbel Bohleys u.a. mit dem damaligen Bundeskanzler Kohl.

Später meinte er, die meisten Gruppenmitglieder in den Basisgruppen in der DDR wollten über den Gruppenrahmen nicht hinaus. Die dort geübten alternativen Lebensformen reichten ihnen aus. (4)

Der Runde Tisch war der Versuch, durch Gespräche einen Ausgleich der Machtverhältnisse herzustellen. Also die Opposition einzubinden und so ist es jedenfalls auch passiert. Er war eine Einvernahme der Opposition auf die Seite der bisher Herrschenden und deren Art die DDR abzuwickeln. Der erste Tag des Runden Tisches war der letzte Moment, indem die Opposition die Führung übernehmen können. Worauf eigentlich die Volksbewegung wartete. Der Kern der Bürgerbewegung ist wissend zurückgeschreckt und beiseite getreten. Dann hat sich die Volksbewegung eine andere Führung gesucht.

Auf die Frage, wie denken Sie über die Einheit, sagte er am 13.11.2002 in einem Interview:

"Die deutsche Einheit: wie sie nun entstanden ist - das ist ein sehr verquälter Prozess. Einerseits ist es richtig, dass die Ostdeutschen den offenbar nötig hatten, da nun mal nicht genügend politische Energie und Selbstständigkeit da war, um in diesem Prozess eine eigene und selbstverantwortliche Rolle zu spielen. Andererseits, wenn man sich an die westdeutsche, politische Klasse wendet: so blind, so kurzsichtig dominiert in einem oberflächlichen Sinne hätte ich mir das gar nicht vorgestellt. Das konnte nicht gut gehen, so wie das gemacht worden ist. Und das gilt ja noch bis heute: dass die Ostdeutschen keinen Anteil an dem Umbau ihrer Gesellschaft hatten, sondern dass Ostdeutschland umgebaut wird, von außen. Und das erzeugt Resignation, teils Frust, aber relativ wenig Demokratisierung, worum es eigentlich geht. Denn Demokratisierung hat was mit Selbstverantwortung und Selbstbestimmung zu tun. Und wenn die nicht da ist, dann treten alle möglichen Extreme auf, seien sie nun links oder rechts, neonazistisch oder einfach nur passiv, verzweifelt. Das halte ich nun von der deutschen Einheit." (5)

(1) Inga Wolfram: Verraten. Sechs Freunde, Ein Spitzel, Mein Land und ein Traum. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2009, S. 213
(2) ebenda, S. 220
(3) Kukutz, Irena: Chronik der Bürgerbewegung Neues Forum 1989-1990, Basisdruck Verlag 2009, S. 107
(4) Geisel, Christof: Auf der Suche nach einem dritten Weg. Das politische Selbstverständnis der DDR-Opposition in den 80er Jahren. Ch. Links Verlag 2005, S. 198
(5) Ko, Hong-Sook: Bürgerbewegung und Öffentlichkeit. Zeitungsgründungen durch Bürgerbewegungen nach dem politischen Umbruch in Ostdeutschland. Eine Untersuchung am Beispiel der Zeitungen die andere (Berlin), Die Leipziger Andere Zeitung (Leipzig) und Die Andere Zeitung (Magdeburg). Dissertation.de, Verlag im Internet 2004, S. 368

Link: Klaus Wolframs Redebeitrag auf der Mitgliederversammlung der Akademie der Künste 08.-10.11.2019

Δ nach oben