"Man hätte vorher wenigstens Schwimmwesten ausgeben müssen"
Günter Nooke, Mitglied des Verwaltungsrates der Treuhandanstalt Im MORGEN-Gespräch: Die größten Katastrophen In der ostdeutschen Wirtschaft stehen erst noch bevor
Berlin (red) Am Anfang habe es einiges Misstrauen gegen ihn als vermeidlich "Linken" im Verwaltungsrat der Treuhandanstalt gegeben. Doch inzwischen sei Vertrauen gewachsen, weil er mit seiner Tätigkeit nicht etwa Panikmache betreiben, sondern einzig und allein die Interessen der DDR-Bürger wahren wolle. Der MORGEN befragte Günter Nooke (31), Volkskammerabgeordneter in der Fraktion Bündnis 90/Grüne nach neuen und alten Kursbestimmungen in der größten Holding-Gesellschaft der Welt.
MORGEN: Differenzen zwischen dem Verwaltungsrat und Rein Maria Gohlke wurden offiziell als Hintergrund des schnellen Rücktritts des Ex-Präsidenten der Treuhandanstalt formuliert. Rohwedder, einstiger Chef des Rates, hat dann selbst das Ruder übernommen ist das Verhältnis damit entspannt?
NOOKE: Vielleicht lagen die Probleme der Treuhand in einigen persönlichen Meinungsverschiedenheiten zwischen Herrn Gohlke und Herrn Rohwedder begründet, das ist vorstellbar. Vor allem aber gab es in der Anstalt keine fest umrissenen Zuständigkeiten. Die lange Zeit betriebene Vorbereitung auf die Bildung der vier Aktiengesellschaften konnte keine klaren Strukturen schaffen.
Diese Idee ist unter Rohwedder nun vom Tisch. Der Kurs heißt jetzt, kompetente Leute in die Außenstellen zu setzen, die vorrangig kleinere Betriebe schnell privatisieren.
Die anfänglichen Hindernisse in der Arbeit der Treuhand wurden hauptsächlich durch beide deutsche Wirtschaftsministerien aufgestellt, die ein unausgereiftes Gesetz Hals über Kopf durchpeitschen zu müssen glaubten. Etwas mehr Überlegung hätte gut getan, wie sich bald zeigte. Zum Beispiel existierte der Vorschlag, gestandene Experten aus internationalen Beratungsfirmen in den Verwaltungsrat zu setzen, die dann selbst entschieden hätten, wie aus den ehemaligen VEB am vorteilhaftesten wettbewerbsfähige Unternehmen zu bilden sind. Diese Investition wäre lohnender gewesen, als irgendetwas politisch durchzudrücken.
Im übrigen existieren zwischen Herrn Rohwedder und dem Verwaltungsrat keinerlei Spannungen und es ist, wie ich meine, bemerkenswert, mit welcher Konsequenz nach tragfähigen Konzepten gesucht wird, auch wenn politische Meinungen auseinandergehen.
Wie sind manche Chefs loszuwerden?
MORGEN: Detlev Rohwedder schickte sich unmittelbar nach seinem Amtsantritt an, in den Treuhand-Firmen und Außenstellen das Personalkarussell in Gang zu setzen. Ist es schon auf Touren gekommen, um alte Seilschaften rigoros zu kappen?
NOOKE: Es ist unbedingt nötig, dass Leute aus den ehemaligen Räten der Bezirke oder etwa der Plankommission aus den Unternehmensleitungen verschwinden. Dort entstehen dann sehr schnell wieder die alten Beziehungen, von denen man weiß, wohin sie führen. In diesem Sinne ist Herrn Rohwedders Bestreben nur zu unterstützen. Die andere Frage ist aber, welche Möglichkeiten hat die Treuhand, diese Geschäftsführer los zu werden. Und wer weiß schon, ob nicht auch westliche Konzerne hier und da ihre Hand im Spiel haben, um ein DDR-Unternehmen zu ruinieren? Hier muss sich die Treuhand vor Ort einschalten, um den prophezeiten Wirtschaftsaufschwung in den nächsten zwei, drei Jahren auch wirklich in den Griff zu bekommen. Dazu muss sich auch in den Außenstellen der Anstalt einiges tun. Rigorose Personalveränderungen in Schwerin und Potsdam gehen schon in diese Richtung, andere werden folgen.
MORGEN: Die jüngste Ministerratsverordnung räumt sanierungswürdigen DDR-Betrieben, an denen die Treuhand Anteile hält, zu deren Entschuldung verzinsliche Ausgleichsforderungen an die Anstalt ein. Bis die DM-Eröffnungsbilanzen vorliegen, sollen ihnen die Tilgungs- und Zinsleistungen gestundet werden. Verändert das den Kurs der Treuhandanstalt jetzt vom Sanieren hin zum Privatisieren?
NOOKE: Sanierung hat, wenn sie möglich erscheint, nach wie vor den Vorrang. Dass dies nach außen nicht immer so aussieht und man durch Privatisieren auch Verantwortlichkeiten abgibt, ist das andere. Es hat wieder mit dem politisch erzeugten Zeitdruck zu tun, dass gute Unternehmen voreilig verkauft wurden und zum Großteil unter Wert weggingen. Über ihre Altschulden hätte Klarheit geschaffen werden müssen, bevor die D-Mark kam. Die Betriebe waren gezwungen, auf ihre Investitionen Kredite zu nehmen. Sie mussten sich eben per Politbürobeschluss beispielsweise für 100 000 Mark neue Computer anschaffen. In der Eröffnungsbilanz erscheint dieser Computer dann vielleicht für 250 DM. Wenn jetzt vielleicht noch 70 000 Mark Kreditlast vorhanden sind, dann ist das für den Betrieb natürlich verhängnisvoll, auch wenn die Schulden 2:1 abgewertet wurden. Diese Dinge sind politisch in katastrophaler Weise entschieden worden. Vor allem deshalb, weil zugelassen wurde, dass die Altschulden der Unternehmen in den internationalen Kreditmarkt getragen worden sind.
MORGEN: Aus Herrn Rohwedders engster Umgebung verlautete vorige Woche, die Verkäufe der Treuhand kämen gut voran und man sei mit über 100 Investoren im Gespräch. Der Präsident selbst hatte ausländischen Firmen "völlige Gleichberechtigung" zugesichert. Sind denn inzwischen deren Angebote wirklich emanzipiert?
Es soll kein deutsches Heimspiel stattfinden
NOOKE: Der Verwaltungsrat, das kann ich sagen, ist stets für die Interessen des gesamten EG-Bereiches eingetreten und wollte von Anfang an dem Eindruck vorbeugen, es läuft hier ein deutsch-deutschen Heimspiel. Und ich denke, Investoren aus Japan oder den USA werden jetzt tatsächlich stärker zum Zug kommen. Wenn die Konditionen, welche Ausländer bieten, besser sind, dann sollten diese den Zuschlag bekommen. Entscheidend ist doch, dass in der DDR Strukturanpassung erfolgt. Auch wenn die meisten Kontakte mit bundesdeutschen Unternehmen bestehen, dann ergibt sich daraus noch lange kein moralisches Vorrecht oder wie man das nennen mag.
MORGEN: 306 DDR-Betriebe sollen auf der internen "Sterbeliste" der Treuhand platziert sein. Vor der Stilllegung stünden beispielsweise Buna, die komplette Kali- und Kupferindustrie, Pentacon, Ruhla. Steht damit nicht der vollständige Zusammenbruch der Wirtschaftsstruktur und des Arbeitsmarktes bevor?
NOOKE: Was im Osten Deutschlands in nächster Zeit passiert, wird genau das sein, was nach der Einführung der harten D-Mark ohne Schutzmechanismen zu erwarten war. Nach dem Sprung ins kalte Wasser Schwimmringe auszuwerfen reicht nicht, man hätte wenigstens vorher Schwimmwesten ausgeben müssen. Diese Unterlassung wird für manche Regionen katastrophale Folgen haben. Dann wird sich der Mangel an konzeptionellem Denken der Regierung bemerkbar machen, verheerend vor allem in Fragen der Umschulung. Denn dass kaputte Betriebe noch weiterbezahlt werden, ist undenkbar, sie müssen schließen. Nur fallen eben ihre Beschäftigten ins Leere. Und diese werden dann - so empfinde ich das - kaum einen Anlass sehen, die deutsche Einheit groß zu feiern, wenn sie und ihre Familien nicht wissen, wie man über den nächsten Winter kommt. Als Zwischenlösung wird man auf die Stilllegung mancher Betriebe gezwungenermaßen bisweilen verzichten müssen, weil es für die Region einfach nicht tragbar, politisch nicht zu vertreten ist.
MORGEN: Werden die Treuhand und der sie beratende Verwaltungsrat unter solchen Vorzeichen jemals die ihnen zugewiesene Aufgabe abhaken können - auch wenn die Unterstellung unter das Bonner Kabinett ins Haus steht?
NOOKE: Als Nachlassverwalter einstigen Volkseigentums hat die Treuhand nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie sich schnellstmöglich selbst erübrigen will. Jeder sieht, wie atemberaubend da manches abläuft. In zwei, drei Jahren wird wohl der größte Teil der Privatisierungen passiert sein. Dann bleibt aber noch immer ein gewisser Pool von Betrieben übrig, der die Treuhand auf längere Zeit nicht überflüssig machen wird.
(Das Gespräch führte
Sven Bernitt)
Der Morgen, Nr. 214, Do. 13.09.1990
