Gespräch mit Treuhandchef Detlev Rohwedder
Keinen Betrieb über die Klippen stürzen
Der zum Jahresende angekündigte Rücktritt des Treuhandchefs gibt Anlass zur Frage: Warum werfen Sie das Handtuch?
Von Handtuchwerften kann überhaupt keine Rede sein. Ich war nicht Präsident dieser Treuhandanstalt. Das war ein anderer Mann, der glücklos agierte und relativ schnell wegging. Damals sagte mir der Bundeskanzler: "Jetzt müssen Sie einspringen." Das habe ich getan. Doch jede Zeit des Einspringens geht zu Ende, ich verringere meinen bis zum 31.12.1990 laufenden Vertrag einfach nicht.
Sie sprachen kürzlich in Bonn ausführlich über Veränderung der Eigentumstitel des ehemaligen Volksvermögens, erwähnten aber nicht das Vermögen der früheren DDR-Blockparteien, insbesondere ehemalige PDS-Firmen.
Das Vermögen der PDS und der anderen einstigen Blockparteien ist uns noch nicht endgültig und in vollem Umfang zur treuhänderischen Verwaltung oder gar Verwertung übergeben worden. Zwischen uns und den Blockparteien steht noch die unabhängige Untersuchungskommission. Sie entscheidet darüber, ob wir überhaupt in diesem politischen Feld eine treuhänderische Rolle spielen sollen.
Sie mahnten jüngst, Schnelligkeit beim Privatisieren, Sanieren und Liquidieren von Betrieben dürfe nicht zu Lasten der Beschäftigten und der Professionalität gehen. Woher rührt dieser Sinneswandel?
Es ist kein Sinneswandel. Der Einigungsprozess fordert ein Großmaß an Takt und Verständnis für die neuen Bürger aus der DDR. Dazu bekenne ich mich nicht erst seit heute. Als Treuhänder muss man an die Leute denken, die es unheimlich schwer haben, den wirtschaftlichen Schock zu bewältigen.
Befördern nicht ein schnelles Privatisieren und fehlende Sanierungskonzepte die Massenarbeitslosigkeit?
Das Gesetz spricht von Privatisieren, Sanieren und von Liquidieren. In dieser Reihenfolge arbeiten wir. Aber das Sanieren darf man nicht unterschlagen. Wir können es uns nicht so einfach machen, wie mancher sich das vorstellt. Ich würde mir grüßte Vorwürfe machen, wenn wir ein lebensfähiges oder wieder rgenerierbares Unternehmen aus Lieblosigkeit, Desinteresse oder ideologischer Voreingenommenheit über die Klippe stürzen. Die Treuhand würde ihre Aufgabe verfehlen, wenn sie von den Menschen gesehen werden müsste als eine Institution, der die soziale Komponente fremd ist. Aber wir können die Interessen der Arbeitnehmer nicht immer berücksichtigen, da ist wohl wahr.
Im Westen boomt die Wirtschaft, im Osten befindet sie sich auf Talfahrt. Ist das die erwartete Zwischenbilanz nach Einführung der Marktwirtschaft?
Dass ostdeutsche Waren vom Markt verschwinden, liegt weniger an den westdeutschen als an den DDR-Bürgern, die eben die alten Zahnpasten nicht mehr kaufen wollen. Das ist ein Ausfluss des Rechts auf Konsumfreiheit. Was die Zwischenbilanz angeht - sie ist zutreffend.
Das klingt pessimistisch - im Gegensatz zur Regierungskoalition.
Es ist eine realistische Zwischenbilanz. Es ist unvermeidbar, dass in der ehemaligen DDR die Zahl der Beschäftigten stark rückläufig ist. Und wenn das schon im Systemwechsel sein muss, ist es eine glückliche Fügung, dass der andere Teil Deutschlands eine Lokomotivfunktion übernehmen kann und sich nicht seinerseits in der Depression befindet.
Glauben Sie, dass die deutsche Einheit ohne Steuererhöhung finanzierbar ist?
Persönlich hatte ich mir schon vorgestellt, dass ein finanzieller Beitrag in der politischen Gesamtsituation und angesichts der Einmaligkeit des Vorgangs den Bürgern zumutbar gewesen wäre. Nun scheinen Finanziers und Politiker der Meinung zu sein, man könnte daran vorbeikommen. Wäre das richtig, wäre es gut ...
Sie sprachen von neuen Seilschaften in der Ex-DDR. Wen meinen Sie damit?
Es gibt eine ganze Reihe von Fällen, wo sich Leute haben verführen lassen, die rasche Mark zu machen. Da hat es willfährige, gesprächsbereite Leute in Betrieben und früheren Kombinaten gegeben, für die westliche Geschäftsleute, besser Geschäftemacher, allerlei Verführungen parat hatten.
Das Gespräch führte
HORST SENSBURG
Neues Deutschland, Fr. 02.11.1990
Detlev Rohwedder war von der Hoesch AG bis zum 31.12.1990 freigestellt. Auf Helmut Kohls Bitte verlängert Detlev Rohwedder seinen Vertrag über den 31.12.1990 hinaus.
