Weglaufen vor sich selbst?
Überlegungen der Schauspielerin Walfriede Schmitt
"Gorbatschow-Fragment": Vor wenigen Tagen hatte es in der doppelbödigen Volksbühnen-"Werkstatt am Eisernen Vorhang" Uraufführung. Walfriede Schmitt, bekannte Schauspielerin von der Berliner Volksbühne, gibt in diesem surrealistisch-freien Spiel mit Figuren und Geschichtsabläufen die Krupskaia, Rosa Luxemburg und den verkommenen alten Stalin. Sehr unmittelbar habe ich in den letzten Wochen miterlebt, wie wichtig ihr dieses Initiativprojekt von Schauspielern der Volksbühne ist, sich "Fragen über die Vergangenheit der Gegenwart" zu stellen, den Geist zu erkennen, aus dem diese Gegenwart kam. "Ich bin erschüttert über das Ausmaß an moralischem, politischem, wirtschaftlichem Elend, das unsere Staatsordnung hervorbrachte, absolut im Gegensatz zu dem, was sie auf ihre Fahnen schrieb", sagt die Schauspielerin. "Da wurde eine Hoffnung zerstört."
Emotionen sind der Stoff, von dem Kunst, von dem Theater lebt. Könnte es auf seine Art den Menschen beistehen?
"Ja, Theater kann helfen beim Abarbeiten von Vergangenheit. Jetzt, wo die Bevormundung von oben weg ist, müssen wir ohnehin Kernen, mit der Unabhängigkeit umzugehen, Raum schaffen für Hoffnungen und Dimensionen menschlicher Möglichkeiten."
Sie engagieren sich stark für die Entwicklung einer eigenständigen Gewerkschaft Kunst . . .
"Damit neue künstlerische Konzepte verwirklicht werden können, müssen auch die alten verkrusteten Theater-Strukturen und ihre Träger beseitigt werden. Deshalb engagiere ich mich für die Entwicklung einer solchen eigenständigen Gewerkschaft. Sie gehört zurück in die Hände der Macher. Weg von der Partnerschaft mit Staat und Betriebsleitungen, hin zur Rolle eines eindeutigen Gegenpols im Sinne von wirklicher Mitbestimmung der Belegschaften. Harte Kämpfe um Arbeitsverträge, um Entlohnung stehen da ganz gewiss bevor. Zwar ist die Rede von sozialer Sicherheit. Aber wer soll, wer kann die bezahlen? Künftig werden die Kommunen finanziell für die Kunst zuständig sein. Aber ich weiß: Angesichts verrotteter Betriebe, verpesteter Umwelt, ganzer zerfallener Stadtteile haben die jetzt vorrangig andere Sorgen!"
Aber Kunst braucht Geld. Das rein übers Kommerzielle sich erhaltende Theater ist doch wohl überall die Ausnahme . . .
"Subventionierung muss Leistung möglich machen. Deshalb darf eine Gewerkschaft nicht nur formaler Tarifpartner für Künstler sein. Sie muss Ansprüche stellen zum Nutzen künstlerischer Produktion. Wenn wir von der Identität der Kulturlandschaft DDR über die denkbare Vereinigung beider deutscher Staaten hinaus ein Stück kulturelle Unverwechselbarkeit einbringen wollen in die Kultur Europas, bleiben Aufgaben genug - Freiheit ist nichts Einfaches."
Sie gehören zu jenen umtriebigen Leuten, die vorwärts drängen, sitzen als Interessenvertreterin des Unabhängigen Frauenverbandes seit Beginn mit am Runden Tisch. Was wollen Sie gerade da erreichen?
"Es geht uns um die Sicherung der Rechte aller Frauen auf eine ökonomisch selbständige Existenz. Anfangs schien mir der Runde Tisch seiner Kontrollfunktion für die Offenlegung politischer Prozesse nicht gewachsen zu sein. Man stritt um Verfahrensfragen statt um Inhalte. Die Regierung schickte keine kompetenten Vertreter. Natürlich hat auch der Runde Tisch keine Legitimation durch das gesamte Volk. Aber eben das haben wir wohl mit der Regierung gemein. Es freut mich, wie die neuen politischen Kräfte unter dem Zwang von Umständen hineinwachsen in den Prozess von Entscheidungsfindung und öffentlicher. Verantwortung. Jeder fragt sich, was auf uns zukommt, wenn die Regierung in der Stunde der Wahrheit endlich die Konkursmasse öffentlich macht? Müsste man nicht Hearings für die Bürger zu den brennenden Wirtschaftsfragen veranstalten, um wirklich handfest zu erfahren woran man ist, woran man sich jetzt und hier beteiligt? Ich glaube, es ist höchste Zeit."
Die deutsche Frage verlangt Antwort. Das politische Spektrum ist für den Bürger hierzulande kaum noch zu übersehen. Es wäre nicht der erste Fall in deutscher Geschichte, dass eine revolutionäre Bewegung durch Vereinsmeierei verspielt würde. Bleibe im Land und ändere es täglich - ein großes Wort, gelassen ausgesprochen, was meinen Sie?
"Kritiklose Anlehnung an die BRD ist für mich kein Schritt nach vorn. Das ist Flucht nach vorn. Man kann aber seinen Problemen nicht davonlaufen, sie laufen mit. Man kann nicht fliehen vor sich selbst. Es muss die Vision geben, unsere Lebenssphäre zu retten, es muss die Vision geben von einer gemeinsamen solidarischen Verwaltung unserer Welt."
Tatsachen scheren sich nicht um Visionen und Ideale. Zweifel und Misstrauen keimen langst gegenüber der These, die DDR sei der BRD an moralischer Qualität überlegen. Verschütten nicht schon Nöte, Verzweiflung, Ratlosigkeit die Euphorie der Wende?
"Unsere Utopie bedeutete für mich ein Leben, in dem der Mensch nicht aus Egoismus, sondern aus Bewusstheit handelt. Ich bin Idealist, ich brauche eine Vision, die meinen Weg erhellt."
Das Gespräch führte
Marlies Dieckmann
Berliner Zeitung Nr. 29, 46. Jahrgang, Sa./So. 03/04.02.1990
