Dispute bei den Humboldts

Vorschlag: Sozialistischer Studentenbund in der FDJ

An Mittwoch traf sich die FDJ-Kreisleitung der Humboldt-Universität zu einer kurzfristig anberaumten Sitzung. Nach einer langen und heftig geführten konstruktiven Diskussion sprachen wir mit Richard Schmidt, dem 1. Sekretär der Berliner Humboldts.

Ihr habt heute über die eventuelle Gründung eines sozialistischen Studentenbundes in der "neuen FDJ" der Humboldt-Uni beraten. Was verbiegt sich dahinter?

Die FDJ, in der Struktur, wie sie heute an den Universität arbeitet, ist nicht in der Lage, die Interessen der Studenten optimal zu vertreten. Zu oft waren wir durch die unbedingte Durchsetzung von zentralen Beschlüssen von unserer eigentlichen Aufgabe abgesenkt.

Der sozialistische Studentenbund soll zum wahren Interessenvertreter der Studenten, jungen Wissenschaftler und Mitarbeiter werden.

Unseren Streit und Dialog missen wir an der Basis und nicht organisiert von oben führen. Wir wollen Plattform für alle sein, unabhängig von ihrer Weltanschauung. Darum ist auch die Statutendiskussion unbedingt weiterzuführen.

Was versteht ihr unter der Formulierung "in der neuen FDJ"?

Du hast es ja erlebt Hier gab es heftige Debatten, und wir müssen uns weiter verständigen. Wir glauben, dass die FDJ durchaus reformfähig ist. Hier müssen wir selbst aktiv eingreifen. Deshalb werde ich auf der Zentralratstagung unseren Vorschlag zur Diskussion stellen. Denn der sozialistische Studentenbund könnte eine Organisation in der FDJ sein, die studentenspezifische Aspekte selbst entscheidet.

Doch solche übergreifende Fragestellungen wie beispielsweise die Arbeit mit Schülern, jungen Lehrengen, Arbeitern, Fragen des internationalen Austausches von Delegationen wozu auch der Studentensommer zählt, sind Dinge, die wir nicht allein regeln können. Außerdem sind wir sehr daran interessiert, einen demokratischen Diskussion- und Entscheidungsprozess im gesamten Verband mit anzuregen, mitzugestalten und zu erleben.

Wie wird es nun weitergehen?

Mir unserem Konzept, das auf den Vorschlägen vieler FDJ-Mitglieder basiert gehen wir jetzt in die einzelnen Grundorganisationen, diskutieren es und bauen es weiter aus. Am Freitag, auf unserer Kreisaktivtagung wird der Disput im erweiterten Rahmen fortgesetzt.

Bei euch läuft derzeit auch die Diskussion zur Gründung einer Studentenvertretung. Worum geht es dabei?

Es handelt sich um einen in den Sektionen von Studenten aufgeworfenen Vorschlag, eine Interessenvertretung, die nicht an die Zugehörigkeit zur FDJ gebunden ist und alle Interessenbereiche von Studenten berührt, ins Leben zu rufen. Diesen Vorschlag wollen wir zusammen zu einen Realisierung führen. Die verschieden Konzepte zu solch einer Interessenvertretung werden in der kommenden Woche diskutiert. Wichtig ist, dass die Abstimmung darüber in den Sektionsvollversammlungen stattfindet. Die FDJ-Mitglieder beteiligen sich daran aktiv, erheben aber keinen Alleinvertretungsanspruch auf eine solche Vertretung.

(Das Gespräch führte
Kerstin Sradnick)

Junge Welt, Do. 26.10.1989


Standpunkt

des Zentralrats der FDJ zum Antrag der FDJ-Kreisleitung der Humboldt-Universität zu Berlin zur Bildung eins "Sozialistischen Studentenbundes in einer neun FDJ"

1. Der Zentralrat hat den Vorschlag und den Bericht der Kreisleitung der Humboldt-Universität zu Berlin zur Bildung eines "Sozialistischen Studentenbundes in einer neuen FDJ" zur Kenntnis genommen. Entsprechend dem Statut der FDJ (Abschnitt V/2) sind die leitenden Organe der FDJ berechtigt, übergeordneten Organen Vorschläge zu unterbreiten. Der Zentralrat begrüßt das Bestreben von FDJ-Studenten, an einer Erneuerung der FDJ mitzuwirken.

2. Der Zentralrat der FDJ stell fest, dass durch die Arbeit der FDJ die Interessen der Studenten an den höchsten Bildungseinrichtungen in der Vergangenheit ungenügend vertreten wurden. Der Zentralrat hält es deshalb für berechtigt und dringend erforderlich, in Vorbereitung des XIII. Parlaments der FDJ die Frage zu erörtern, wie in der FDJ die Studenten mehr Möglichkeiten erhalten, ein ihren spezifischen Interessen entsprechendes politisches Leben und eine wirksame Interessenvertretung zu entwickeln. Geprüft werden muss, wie dafür Organisationsformen und Strukturen im Statut der FDJ neu geregelt werden können.

3. Der Vorschlag wird der Antragskommission und der Arbeitsgruppe "Studentenantrag" gemeinsam mit anderen in Vorbereitung des XIII. Parlaments vorliegenden Anträgen überwiesen. Die FDJ-Kreisleitung der Humboldt-Universität, die Leitungen der FDJ aller Universitäten, Hoch- und Fachschulen sowie alle interessierten Studenten werden aufgefordert, aktiv mitzuarbeiten und ihre Erfahrungen und Vorschläge in die Diskussion zu einem neuen FDJ-Statut einzubringen. Die FDJ-Kreisleitung der Humboldt-Universität und die FDJ-Leitungen der Universitäten, Hoch- und Fach schulen erholten die Möglichkeit, entsprechend dem Statut der FDJ, nach gründlicher Diskussion einen Antrag an den Zentralrat der FDJ zu stellen, neue Organisationsstrukturen innerhalb der FDJ zu erproben und diese Erfahrungen dem XIII. Parlament der FDJ zur Entscheidung zu unterbreiten.

4. Der Zentralrat begrüßt und unterstützt, dass der Minister für Hoch- und Fachschulwesen der DDR gesetzliche Regelungen für neue Möglichkeiten studentischer Interessenvertretung an den Bildungseinrichtungen anstrebt.

5. Das Mitglied des Büros und 1. Sekretär der Bezirksleitung Berlin der FDJ, Helmut Meier, sowie Richard Schmidt werden beauftragt, diesen Standpunkt des Zentralrats vor den Teilnehmern des FDJ-Kreisaktivs der Humboldt-Universität am 27. 10. 1989 zu erläutern.

Junge Welt, Sa. 28.10.1989

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