DDR 1989/90Brandenburger Tor


Wir erwarten von der Werkleitung eine Antwort auf unsere betrieblichen Probleme

Die Gewerkschaftsgruppe der Abteilung NTV führte am 27.10.1989 eine außerordentliche Versammlung zu uns derzeit bewegenden Fragen in Politik und Gesellschaft durch. Es wurden persönliche Meinungen und Vorschläge geäußert, die im einzelnen auch kontrovers waren und nicht von allen Mitgliedern getragen wurden. Es wurden folgende Themen angesprochen und diskutiert:

Allgemeine Forderungen und Vorschläge

- Freie und geheime Wahlen, Neuzulassungen von Parteien und Organisationen mit antifaschistischem Charakter, Änderung der Verfassung (Führungsanspruch der SED),

- Reisefreiheit, keine Einschränkung der Wahl des Reiselandes, Finanzierungsquellen der Zahlungsmittel - Rechenschaftslegung über Deviseneinnahmen (Transitpauschale, Besuchergeld, Intershop usw.),

- Reelle Preispolitik mit Umgestaltung der Lohnpolitik, Subventionen,

- Allgemeine Abrüstung, Auflösung bzw. Kontrollierbarkeit der Staatssicherheit, Überprüfung der Notwendigkeit der Existenz der Kampfgruppen, Reduzierung der Rüstungsproduktion,

- Medienfreiheit,

- Wirtschaftliche Umgestaltung, Überprüfung der "Notwendigkeit" der wirtschaftlichen Zentralisierung (Kombinate, Ministerien), Neubewertung der Arbeit der Betriebe in Bezug auf Planvorgaben und deren Abrechnung.

Spezielle betriebliche Probleme und Vorschläge

- Überprüfung der Notwendigkeit bzw. Reduzierung der LVO-Produktion in DPN einschließlich dieser Forderung an die übergeordneten Wirtschaftsorgane, um Kapazitäten (Arbeitskräfte und Maschinen) für die eigentliche Produktion von DPN freizusetzen,

- Produktion von bedarfsgerechten Konsumgütern (z. B. Installationsmaterial),

- Neuererwesen als Planvorgabe?
Neuererwesen nicht um seiner selbst willen durchführen,

- Abrechnung des PWT?
Aufwand-Nutzen-Ermittlung bei allen technisch-organisatorischen Maßnahmen einschließlich der Rationalisierungsmittel,

- Neufassung des Inhalts des derzeitigen "soz. Wettbewerbes", realistische Zielstellung für die Arbeitskollektive entsprechend den betrieblichen Möglichkeiten,

- Leistungsgerechte Entlohnung, Produktivlöhne,

- effektiver Einsatz der bereits vorhandenen Roboter- und Computertechnik,

- Reduzierung der Beratungen und Versammlungen während der Arbeitszeit,

- Trennung von gesellschaftlicher und betrieblicher Tätigkeit während der Arbeitszeit,

- Bearbeitung von Eingaben bis zur zufrieden stellenden Klärung (z. B. unsere Eingabe an die ZBGL des KEAW).

Wir erwarten von der Werkleitung eine Antwort auf unsere speziellen betrieblichen Probleme.

Gleichzeitig bitten wir diesen Brief als offenen Brief anzusehen, und ihn der gesamten Belegschaft von DPN zur Kenntnis zu geben.

Die Kolleginnen und Kollegen
der Abteilung Technologie NTV
Werk Neusalza-Spremberg

aus: Der Funke, Nr. 13, 15.11.1989, 23. Jahrgang, Organ der Betriebsparteiorganisation der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands des VEB Schaltelektronik Oppach Betrieb des Kombinates Volkseigener Betrieb Elektro-Apparate-Werke "Friedrich Ebert", Berlin-Treptow

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