DDR 1989/90Brandenburger Tor


Über kurz oder lang nichts mehr zu sagen?

Auch nach dem 18. März [Volkskammerwahl] gibt es die OPTIMA, aber neue Töne sind unüberhörbar.

So spricht Direktor beziehungsweise Geschäftsführer M(...) davon, dass Gewerkschaften in dem Rahmen und mit dem Gewerkschaftsgesetz nicht länger tragbar sind, wenn das große Kapital kommt. "Ein Betriebsrat reicht", stellt er knapp fest. Was berechtigt ihn dazu?

Der Besuch von Sohn und Enkel der ehemaligen fabrikbesitzenden Bestehorn-Dynastie? Zweimal schnupperten die Westgäste bereits die familientraditionsgeschwängerte Luft in der warmen hölzernen Pracht der repräsentativen Direktorenzimmer und rümpften ganz mächtig die Nasen beim Anblick einiger Fertigungsstrecken im Altwerk. Sie sind im Hannoverschen, im eigenen Faltschachtelbetrieb Besseres gewöhnt.

"Alles unverbindlich", beteuert Direktor M(...) und meint weiter, um den wilden Gerüchten in der Stadt gleich mal ein Ende zu setzen, "die Bestehorns stellen keine Besitzansprüche, obwohl sie 1946 enteignet und in der BRD entschädigt worden sind." Aber sie glauben schon, ein gewisses Vorzugsrecht zu haben, wenn es um die Zusammenarbeit der OPTIMA mit bundesdeutschen Firmen gehe . . .

"Töchter" in den Startlöchern

Ist der noch ungewisse Ausgang des Invest-Vorhabens in Aschersleben Nord-West ein weiterer Anlass für den Tonwechsel? "Das Projekt wird weiter realisiert. Natürlich. Wir sind nach wie vor DDR, und das zukünftige PP-Folienwerk ist nach wie vor eine Staatsplanaufgabe." Wenn man dann irgendwann nicht mehr DDR ist? Für den Fall säßen schon vier große Westfirmen in den Startlöchern, die gar zu gern als Töchter oder ähnliches dazu beitragen würden, mit dem marktfähigen Produkt ganz groß rauszukommen. Nichts dagegen einzuwenden, solange es denen, die dran und drin arbeiten, dann ebenso gut geht.

Zu diesem Zweck werden ganz massiv Interessen zu wahren sein. Bisher sprang die Gewerkschaft in die Bresche. "Wir wählen zurzeit 44 Vertrauensleute. Anfangs wollte überhaupt niemand mehr. Abwarten hieß die Parole. Inzwischen ahnen wohl einige Kollegen, dass es vieles geben könnte, um das es sich zu kämpfen lohnt." BGL-Vorsitzende Gabi G(...) macht sich und ihren Ehrenamtlichen nichts vor. "Über kurz oder lang haben wir hier nichts mehr zu sagen. Ein Betriebsrat wird gewünscht und, wie es scheint, von einem zukünftigen Unternehmer auch anerkannt werden." Die pfiffige BGL-Vorsitzende ergreift die Flucht nach vorn, plädiert für einen 15köpfigen Betriebsrat, in dem engagierte Gewerkschaftsmitglieder sind. "Anders sehe ich keine Chance, dem Wort von tausend Arbeitnehmern noch wirksam Geltung zu verschaffen."

Sie hat es sich damit nicht leicht gemacht, ist zu diesem Zweck viel gereist. Das letzte Mal an ihrem Haushaltstag. In der bundesdeutschen Partnerstadt Peine fand sie beim Vorstand der IG Chemie-Papier-Keramik Gehör und Tipps - so paradox es klingen mag - zu wirkungsvollen Betriebsräten.

"Nach erfolglosen Hilferufen an meine eigene IG-Druck-und-Papier-Zentrale war das 'ne Wohltat", erklärt Gabi G(...). Solange sie noch in ihrer Funktion ist, betont sie, wird in erster Linie die Sicherung der Arbeitsplätze für die Belegschaft eingefordert. "Ich weiß genau, dass wir uns nicht in Wolkenkuckucksheim befinden, dass effektiveres Wirtschaften in unserem Betrieb Umstrukturierungen unumgänglich macht. Es wird Entlassungen geben. Doch so, wie es zurzeit als Horrorstory in den Köpfen grassiert, wird es nicht. Dafür haben wir gesorgt. Am 14. Februar schlossen wir mit dem Betriebsdirektor eine Vereinbarung ab, die genauestens die Schritte festlegt, die eingehalten werden müssen, wenn es zu Freisetzungen kommt. Arbeitsplatzangebot durch den Betrieb zum ersten, dreimonatige Kündigungsfrist zum zweiten und drittens Kündigungsschutz für Werktätige, die 15 Jahre im Betrieb sind."

Dieses Dritte kam bei vielen in die falsche Kehle. "Heißt das, alle anderen müssen gehen?", regten sich die Optimaner auf. "Mitnichten", stellt Gabi G(...) klar, "doch es geht um den Erhalt einer Stammbelegschaft, die zumeist aus Druckern besteht. Diese Leute haben eine Spezialausbildung, mit der sie in der heimatlichen Umgebung weit und breit nichts Neues finden können." Und was wird aus denen, die noch vor einem Jahr aufwendig angeworben, mit neuer Wohnung und Versprechungen für kommende große Aufgaben versehen worden waren? "Das hängt davon ab, wie die Perspektive beim Bau des Neuwerkes gestaltet wird", ganz wohl ist der BGL-Vorsitzenden bei dem Gedanken nicht . . .

Froh ist sie jedenfalls, dieses Papier eingebracht und auch unter ein weiteres, das Regelungen zur Gewährung von Treueurlaub betrifft, die Unterschrift des Betriebsdirektors zu haben. Ein drittes, umfangreicheres hielt sie ihm am 19. März unter die Nase. Ein Sozialplan, mit dem noch einiges mehr für die Werktätigen verbindlich geregelt werden soll: bei der Vorruhestandsregelung, in Sachen Zumutbarkeit bei Um- und Versetzung, bei Verdienstminderungen und Wohnortwechsel. "Wir schauen voraus. Traurig genug, dass viele Optimaner die Augen noch immer geschlossen halten. Sie werden sich besinnen, wenn's unmittelbar bei ihnen brennt. Die Kollegen in Peine sehen das realistischer. Die wundern sich nur über den Schweinsgalopp, den wir vorlegen, um in den Genuss von Arbeitslosigkeit und Sozialabbau zu kommen."

Fehlende Unterschrift

Mit einem kurzen Blick auf den frisch abgezogenen Sozialplan und ohne seinen Inhalt im Detail zu kennen, reagierte der Betriebsdirektor so: "Ich unterschreibe nichts mehr (Hat er es schon zu viel getan?), bevor nicht die rechtlichen Grundlagen dafür vorhanden sind." Haben wir die nicht? Es gibt eine Verfassung der DDR, ein AGB, ein Gewerkschaftsgesetz.

Christina F(...)


Anruf aus dem VEB OPTIMA: Ab 1. April wird Kollegen gekündigt. Die BGL forderte eine komplette Liste der Betroffenen von der Direktion und ist entschlossen, nach allen Regeln des AGB um die Wahrung der Arbeitnehmerrechte zu ringen.

aus: Tribüne, Nr. 64, 30.03.1990, 46. Jahrgang, Zeitung der Gewerkschaften

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