"Die junge Demokratie der DDR verbarschelt"

Pfarrer Friedrich Schorlemmer zum Fall Schnur

taz: Bedeutet der Rücktritt von Schnur die Wende im Wahlkampf?

Schorlemmer: An deutliche Folgen im Wahlkampf glaube ich noch nicht, weil das viele Leute nicht interessiert. Für zu viele ist wichtig, wie sie schnell an das Geld rankommen. Die Bundesrepublik hat voll bei uns durchgeschlagen. Am Fall Schnur sehen wir wieder einmal, was für ein grundböses System wir hatten. Denn die SED hat mit ihrer teuflischen Gehilfin Stasi die Schwächen von Menschen ausgenutzt, sie hat mit Verlockung und Erpressung gearbeitet, und sie hat Menschen zerstört. Wolfgang Schnur ist Opfer und Täter geworden. Das Zweite: Der Schaden ist viel schlimmer als der Schaden für den "Demokratischen Aufbruch", der sich auf Plakaten die "ehrliche Alternative" nennt. Es ist ein nachträglicher tiefer Vertrauensbruch bei allen, die Schnur verteidigt hat. Wenn dann, drittens, noch vorgestern Wolfgang Schnur eine Ehrenerklärung abgegeben hat, dann verbarschelt die junge Demokratie DDR. Aber das wundert mich nicht, wenn die Schnellanschlusspropagandisten auch dies der Bundesrepublik einfach nachmachen. Und das Vierte ist: Wer schnell seine Überzeugung verrät, wie Wolfgang Schnur, der hat keine. Ich nenne das haltlos. Wer die SPD zum Hauptgegner erklärt und in die Nähe der SED oder PDS rückt und damit Punkte zu machen versucht, denke ich, ist politisch unmoralisch. Und wer dann noch mit einer CDU in eine "Allianz" eintritt - einer CDU, die noch 1974 einer Streichung des Artikels 8 der Verfassung von 1968 ohne jede Gegenstimme zugestimmt hat - das ist nämlich der Artikel, der noch die deutsche Einheit als Ziel benannte - und sich jetzt zu der "Einheitspartei" erklärt, wenn man mit dieser CDU zusammenarbeitet, dann ist das ohnehin schon nicht moralisch. Aber ob das die Wähler beeinflusst? Die Stimmung ist eben: Politik ist schmutzig, lasst uns an den denken, der uns das große Geld gibt. Ich hoffe aber immer noch ganz stark, dass es viele Menschen bei uns gibt, die hier noch eine Würde haben.

Welche Parteien könnten davon profitieren? Wem treibt der Fall Schnur Wählerstimmen zu?

Die Enthüllungen könnten die Zahl derer, die nicht wählen gehen, erhöhen, weil sie sagen, alles ist furchtbar. Es könnte sein, dass manche sagen, wenigstens die PDS versucht, jetzt ehrlich zu sein.

Also eine Art Trotzreaktion?

Ja, aber ich denke, die Erinnerung an das, was die SED uns angetan hat, ist stark genug, so dass es hoffentlich nicht allzu viele sein werden. Die PDS wird als eine starke und ich hoffe auch kluge Opposition bei uns gebraucht. Es könnte auch sein, dass die neueren Gruppierungen wie das "Bündnis 90", aber auch die Sozialdemokraten wieder mehr Zulauf bekommen, weil die den Mund nicht so voll nehmen.

Welche politischen Bedingungen der Bewältigung kann und muss es in der DDR - über den Fall Schnur hinaus - für die Vergangenheit geben?

Ich hoffe, dass alle, die in diesem Sinne etwas zu verbergen haben, von sich aus aus verantwortlichen Positionen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung zurücktreten, ehe noch weitere Skandale ans Tageslicht kommen, denn das wird mit Sicherheit geschehen. Ich würde all denen raten, sich in den normalen Arbeitsalltag einzureihen. Ich halte es außerdem für nötig, dass wir bei einer Vereinigung dafür sorgen, dass wir die Akten nicht einfach dem neuen gesamtdeutschen Geheimdienst übergeben.

Interview: Anna Jonas

aus: taz Nr. 3058 vom 15.03.1990