DDR 1989/90Brandenburger Tor


Für Demokratie Jetzt antwortet:

Sibylle Hering, 50 Jahre. Katechetin, Sprecher der Bewegung

Erstens: Unsere Bürgerbewegung ist keine Partei. In einer Bürgerbewegung kann jeder mitarbeiten. Sie bietet Möglichkelten direkter Demokratie. Aus einer Zuschauer wird eine Mitwirkungsdemokratie. Demokratie Jetzt, Neues Forum und Initiative Frieden und Menschenrechte sind ein Bündnis eingegangen, das Wahlbündnis '90. Unser Ziel Ist die Entwicklung einer solidarischen Gesellschaft. Wir wollen den Übergang zur Marktwirtschaft so gestalten, dass unsere sozialen Verhältnisse nicht zersetzt werden. Dazu sind u.a. notwendig:

- Staatliche Garantien eines sozialen Mindeststandards für alle!

- Schrittwelse Angleichung des Lohn , Preis und Subventionsgefüges an marktwirtschaftliche Verhältnisse.

Zweitens: Wir treten für die Erhaltung des Rechts auf Arbeit ein, für die Schaffung vieler neuer Arbeitsplätze durch Förderung von Handwerk, Handel, Gewerbe und mittelständischer Industrie, für vielfältige bezahlte Umschulungsangebote. Ökologisch orientierte Arbeiten kommen in unserem Ostseebezirk in besonderer Weise auf uns zu. Freiwerdende Arbeitskapazitäten könnten im Bereich Umwelt und Naturschutz nutzbar gemacht werden. Vorhandene Hotelkapazitäten sollten gründlich rekonstruiert und ökologisch verträglich erweitert werden.

Drittens: Ein Wandel im Umweltbewusstsein, das Umdenken und das daraus erwachsende Handeln muss bei dem einzelnen beginnen. Neue Umweltgesetze müssen erst geschaffen werden. Die Einhaltung dieser Gesetze voll strenger als bisher verfolgt werden. Internationale Abkommen sind notwendig und deren Einhaltung ist zu sichern.

Viertens: Die Fragen, die die Kommunen selbst angehen, sollten sie auch selbst entscheiden. Sie sollten so selbständig wie möglich sein. Sie müssen mit eigenen Finanzquellen ausgestattet werden.

Fünftens: Ohne die wirkliche Gleichstellung von Frauen und Männern kann eine Wandlung unserer Gesellschaft zu mehr Menschlichkeit und praktischer Solidarität nicht erreicht werden. Die marktwirtschaftliche Umgestaltung betrifft Frauen schon heute in besonderem Maße. Um ihre ökonomische Unabhängigkeit zu sichern, sind Veränderungen im Lohngefüge zugunsten frauendominierender Arbeitsbereiche nötig. Um Frauen die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, muss alles getan werden, um Ihre Doppelbelastung abzubauen. Die Gleichstellung von Mann und Frau muss sich auch im Recht auf Hausarbeitstag, Krankengeld für Kinder, bezahlte Freistellung, verkürzte Arbeitszeiten ausdrücken. Die Sozialgesetzgebung muss die Interessen der Eltern und Kinder, nicht die schnelle Regeneration der Frau als Arbeitskraft im Blick haben.

Sechstens: . . . dass wir die Chance, eine solidarische Gesellschaft für die ganze Völkergemeinschaft entstehen zu lassen, nicht verpassen; dass wir neue Werte für unser Leben und das unserer Kinder entdecken und entwickeln. Den Schwachen müssen wir Schutz und Hilfe gewähren. Wir sind für eine Asyl- und Ausländergesetzgebung, die ein gleichberechtigtes Zusammenleben mit Menschen anderer Völker und Rassen ermöglicht.

Mit Sibylle Hering sprach unser Redaktionsmitglied Hilde Thormeyer

aus: Ostseezeitung, 06.04.1990