DDR 1989/90Brandenburger Tor


Was verbindet mich mit dem "Neuen Forum"?

Kollektivmitglieder kommen zu Wort

"Neues Forum" bringt Licht und weckt Hoffnung

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, muss ich sagen: Ich habe mich eigentlich für Politik nie so richtig interessiert. Habe immer gedacht, unsere Regierung wird schon das richtige tun, denn wir leben ja in einem Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Jetzt, nach den großen Enttäuschungen, besteht natürlich für mich der Wunsch, die Wahrheit über unsren Staat zu erfahren. Ich hoffe, diese Wahrheit beim "Neuen Forum" zu finden.

Aus der Bewegung des "Neuen Forums" heraus entstanden mehre Gruppierungen, die den Wunsch des Volkes der DDR nach wahrer Freiheit gegenüber der führenden Partei und dem Staat zur Wirklichkeit verhelfen.

Die bisherigen Veröffentlichungen über die an Verbrechen grenzenden Handlungen von Mitgliedern der obersten Parteiführung und der Regierung beweisen die Existenzberechtigung aller auf Reformen dringenden Gruppen.

Ich bin Christ, und besonders freut mich immer wieder der Aufruf zur Gewaltlosigkeit und Besonnenheit.

Ich hoffe, dass das "Neue Forum" den einmal eingeschlagenen Kurs beibehält und für eine wirklich soziale Gesellschaft für alle Bevölkerungsschichten weiterhin eintritt.

Erika J(...)

Eine echte und aktive Bürgerinitiative

Von unserer Betriebsredaktion wurde ich gefragt, ob ich bereit wäre, über meine Einstellung zur Bürgerinitiative "Neues Forum" etwas zu sagen. Mir fällt es nicht leicht, denn in der Vergangenheit haben wir nicht gelernt, unsere freie Meinung zu sagen. Zwar wurde oft nach Stimmungen und Meinungen gefragt, aber das war dann auch schon alles und irgendein Schreibtisch war als Ablage bestimmt. Deswegen freue ich mich, dass sich Menschen im "Neuen Forum" zusammengefunden haben, die dieses und vieles andere verändern wollen.

Ich denke in letzter Zeit oft an die Jahre, als ich selbst mal FDJ-Sekretär im Reichsbahnamt Wittenberge war. Mit welchem jugendlichen Elan bin ich damals als 18jährige an diese verantwortungsvolle Funktion herangegangen. Aber dieser Enthusiasmus hielt nicht lange an. Knapp 1 Jahr später wurde mein Name auf einer Delegiertenkonferenz in Erfurt verlesen. Ich sollte mit anderen jungen Menschen als Kandidat in die SED aufgenommen werden, ohne vorher diesbezüglich ein Gespräch mit mir zu führen. Aus heutiger Sicht bin ich froh, dass ich bei meiner damaligen Weigerung geblieben bin. Ich habe nichts gegen die SED an sich, aber ich habe etwas dagegen, wenn einige Menschen sich Macht und Privilegien aneignen und wenn massiv Druck ausgeübt wird, der damals nicht einmal vor meinem Verlobten und den Schwiegereltern Halt machte. Das Vertrauen in die SED wurde mir schon deshalb als junger Mensch genommen.

Jetzt bin ich 43 Jahre alt, und in aIl den Jahren war ich in gesellschaftlichen Funktionen tätig. Ich war und bin der Meinung, auch das trägt zum Aufbau eines guten Sozialismus bei. Aber leider war doch bisher so, dass parteiliche Richtlinien von oben vorgegeben wurden, und vieles verlief in einer gewissen Schönfärberei.

Mein Standpunkt: Auch ohne Parteibuch kann jeder Bürger ein vollwertiger Mensch sein. Ich bin froh darüber, dass unserer heutigen Jugend in Zukunft dieser Druck erspart bleibt. Es sollte doch jeder frei entscheiden können, ob er sieh einer Partei anschließt oder nicht, unabhängig davon, was er beruflich macht.

Wenn es aber so weitergeht wie bisher in den vergangenen 40 Jahren, dann denke ich mit Angst an die Zukunft und frage mich: Wofür arbeiten mein Mann und ich eigentlich? Auch wir werden älter und irgendwann mal Rentner sein. Es sind auch mit dem Rentenalter noch Wünsche offen und sei es nur mal der Appetit auf eine Banane ohne "Schlange".

Ich bin kein besonders guter Christ und gehe auch nur mal zu besonderen Anlässen in die Kirche, aber sie war es doch, die dem "Neuen Forum" und damit vielen Menschen Räume zur Verfügung stellte und nicht in erster Linie unser Staat. Wo war denn unsere Partei in den vergangenen Jahren, als es immer mehr bergab ging? Hat sie wirklich nicht gesehen, wohin uns einige Regierungsmitglieder treiben? Mit Lobreden und Beschönigungen kann man auf Dauer keinen guten Sozialismus aufbauen. Das hat die jetzige Situation genügend bewiesen.

Deswegen bin ich für das "Neue Forum" und unterstütze diese Bewegung. Ihre Ziele bieten für mich die Gewähr, dass sich nicht wieder Korruption und Gleichmacherei in unserem Land breit machen, sondern die Interessen des Volkes wirklich vertreten werden.

Inge R(...)

Für mich Plattform neuen Denkens

Eingefahrene, starre und autoritäre Machtstrukturen haben in den letzten Jahren in weiten Teilen unserer Bevölkerung Verdrossenheit und Passivität hervorgerufen. Die Bevormundung der Werktätigen, Wissenschaftler und Künstler hat zur Stagnation in der gesellschaftlichen Entwicklung und zu Fehlentwicklungen der Wirtschaft geführt. Die sich immer breiter machende Hoffnungslosigkeit fand letztlich ihren Ausdruck in der Massenflucht junger Landsleute - unserer Kinder. Ich darf das sagen, weil ich Betroffener bin, und bis heute kein Argument finde, meinen Sohn zur Rückkehr zu bewegen.

In der Phase des Beginns des massenhaften Exodus, der von Partei und Regierung offiziell nicht einmal zur Kenntnis genommen wurde, entstand der "Aufbruch 89 - Neues Forum". Darin wird, ausgehend von der politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich desolaten Situation unseres Landes, das demokratische Gespräch der Bürger über die Ursachen der Fehlentwicklung und die Möglichkeiten der Lösung der lebenswichtigen Fragen der Gesellschaft angeboten. Wen kann angesichts der Sprachlosigkeit der etablierten Parteien und Organisationen wundern, dass "Neues Forum" mit diesem Aufruf massenhaft Zulauf fand und findet?

Völlig unverständlich ist mir, warum trotz angestrebter Demokratisierung der Presse dieser Aufruf den Bürgern vorenthalten, aber seine Entstellung und sogar Diffamierung öffentlich zugelassen wird. Betroffen macht mich, dass die in den Bürgerdialogen erhobenen Forderungen auf einmal auch Forderungen der Partei mit Führungsanspruch sind, obwohl bei ihr nur zaghaft Ansätze zur Vergangenheitsbewältigung erkennbar sind. Ich bezweifle, dass die Volksvertreter, die nun auch nicht mehr die Legitimation durch das Volk besitzen, imstande sein werden, unsere Probleme zu lösen. Darum sind für mich freie und geheime Wahlen unter Einbeziehung neuer Parteien und Initiativen zum frühestmöglichen Zeitpunkt 1990, neben der Demokratisierung und der Unabhängigkeit von Legislation, Exekutive und Gewissensdiktion die wichtigste Voraussetzung für den Aufbruch unseres Landes zur Demokratie. Volksbefragungen und öffentliche Meinungsforschung sollten unseren Regierungen künftig stets Maßstab für die Prüfung ihrer Bürgernähe sein.

Jürgen S(...)

Eine Meinung muss nicht allen recht sein

Wir haben an zwei Veranstaltungen des "Neuen Forums" in der Stadtkirche in Ludwigslust teilgenommen. Viele Bürger unserer Stadt versammelten sich, um ihren Beitrag zur Umgestaltung in unserem Land zu bekunden. Bei weitem reichten die Räumlichkeiten für diese Veranstaltungen nicht aus. Unverständlich war für uns, dass solche Veranstaltungen nur in der Kirche zum damaligen Zeitpunkt stattfinden durften, obwohl unsere Stadt über eine große Sporthalle verfügt.

In der Kirche wurde ein offenes sachliches Gespräch mit den Mitgliedern des "Neuen Forums" geführt. Es durfte jeder Bürger seine Meinung darlegen, auch wenn es nicht allen recht war, was dort ans Tageslicht kam.

Auch wir sind für die Zulassung der Bewegung als Massenorganisation, weil unsere eigentliche Massenorganisation, der FDGB, bisher nicht die Interessen des Volkes in vollem Maße vertreten hat.

Wir unterstützen einige Forderungen, wie z. B.: freie geheime Wahlen, Rechtsstaatlichkeit, Wirtschaftsreformen, Reisefreiheiten u. a. m.

Außerdem fordern wir eine konsequente Bestrafung aller Schuldigen, die unseren Staat in diese Krise geführt haben. Dieser Prozess muss sich von der obersten Regierung bis in die kleinste Einrichtung vollziehen, damit die Angesprochenen nicht wieder in die alten Gleise verfallen.

Wir hoffen, dass sich schnellstens fähige Kader finden werden, um die Wende zum Wohle des Volkes herbeiführen zu können.

Regina S(...),
Dörte S(...),
Astrid K(...),
Anneliese Z(...)

aus: Der Meliorationstechniker, Nr. 20, 1. Dezemberausgabe 1989, Jahrgang 23, Betriebszeitung des VEB Meliorationsbau Schwerin

Δ nach oben