DDR 1989/90Brandenburger Tor


Di. 10. Oktober 1989


ADN verbreitete eine Information der Presseabteilung des Ministeriums des Innern "zu den von westlicher Seite erhobenen Verleumdungen über den Einsatz der Volkspolizei in den letzten Tagen". Darin heißt es u.a.:

"In mehreren Städten der DDR war es zu Störungen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit gekommen. Zur Auflösung ungesetzlicher Zusammenrottungen hatte die Volkspolizei wiederholt aufgerufen. Erst als alle Ermahnungen zur Gewaltlosigkeit und zur Zurückhaltung nicht fruchteten, war der Einsatz von Ordnungskräften zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung unumgänglich. Wahr ist, dass Randalierer, aufgeputschte Störer und kriminelle Elemente staatsfeindliche Parolen riefen und die im Ordnungseinsatz befindlichen Volkspolizisten tätlich angriffen. Sie warfen mit Steinen, Flaschen und Brandsätzen, schlugen brutal und rücksichtslos mit Stahlstangen und anderen Schlaggegenständen auf die Ordnungskräfte ein. Und nicht zufällig trugen viele der Krakeeler Schutzhelme, was auf vorsätzliche und geplante Handlungen schließen lässt.

Tatsache ist, dass die Volkspolizei äußerst zurückhaltend und erst, nachdem sie angegriffen wurde, gegen Unruhestifter unter Anwendung polizeilicher Hilfsmittel vorging und nicht, wie westliche Medien behaupten, blindlings und rücksichtslos auf unbeteiligte Bürger einschlug.

Wahr ist ebenfalls, dass 106 Volkspolizisten zum Teil erheblich verletzt wurden, 46 Rowdys kamen zu Schaden. Angebliche Tote sind von den Westmedien frei erfunden. (...)."
(ND, 11.10.1989)

Mit ähnlichem Tenor äußert sich der Stabschef des Präsidiums der Volkspolizei Berlin, Oberst Dr. Dieter Dietze, zu den Ereignissen im Bereich der Berliner Gethsemanekirche. In einem Interview mit dem Berliner Rundfunk erklärt er u.a.:

"(...) In Zurückhaltung - die selbstverständlich auch Grenzen hat haben wir uns immer geübt und werden das auch künftig tun. (...) Fast höre ich, da ich das Wort Zurückhaltung gebrauche, gellendes Gejohle und wüste Beschimpfungen, mit denen in den zurückliegenden Tagen unsere Genossen, zum Teil nur wegen ihrer Anwesenheit, bedacht wurden. Aber was ist das anders, wenn wir denjenigen, die versuchten, eine ungesetzliche Demonstration am 8.10. durchzuführen, rund zwei Stunden Zeit zum Überlegen gaben, bevor wir mit aktiven Handlungen begannen? Und - das darf man wohl unterstreichen - auch der Beginn der aktiven Handlungen war davon geprägt, möglichst wenig im Umfeld befindliche Personen in der einen oder anderen Form, zu behindern. Aktive Handlungen, das hieß zunächst für uns Räumung der seit längerem blockierten Fahrbahnen nach fast pausenloser geduldiger Aufforderung. Erst als das Wegdrücken allein nicht mehr half bzw. unsere jungen Genossen, darunter viele, die ihren Wehrdienst versehen, tätlich angegriffen wurden, waren Zuführungen unvermeidlich. (...) Mich bewegt zum Beispiel, dass es im Zusammenhang mit der Durchsetzung unserer Ordnungsmaßnahmen leider beinahe unvermeidlich ist, dass, wenn wir zum geschlossenen polizeilichen Vorgehen gezwungen werden, auch einzelne Unbeteiligte betroffen sind. Wir bedenken das, können es jedoch nicht generell ausschließen, so bedauerlich das im konkreten Fall auch ist.
(BZ 12.10. 1989)

Das am Vortag angekündigte Dialogangebot in Leipzig wird praktiziert: Vertreter des Sekretariats der SED-Bezirksleitung reden mit Vertretern des Neuen Forum.

In Dresden, wo der Dialog zwischen Oberbürgermeister Berghofer und Demonstranten weitergeführt wird, werden 500 inhaftierte Demonstranten freigelassen.

ADN teilt mit:

"Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR hat Proteste der Chefredaktionen einiger BRD-Medien, darunter ARD und ZDF, wegen 'Behinderungen' ihrer Korrespondenten in den letzten Tagen durch Organe der DDR entschieden zurückgewiesen. Die Leitungen dieser Medien wurden darauf aufmerksam gemacht, dass sich ihre Korrespondenten unbefugt in polizeilichen Handlungsräumen aufhielten. Wiederholten Aufforderungen durch die Volkspolizei, ihre Arbeit einzustellen, wurde nicht Folge geleistet. In vielen Fällen traten diese Journalisten sogar als Mitinitiatoren von Krawallen und Zusammenstößen auf und beteiligten sich an der Aufwiegelung von Rowdygruppen. (...) Bereits am Montag hatte das DDR-Außenministerium einen ähnlichen Protest der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR entschieden zurückgewiesen."
(ND, 11.10.1989)

Von den rund 35 000 seit Mitte August im BRD-Land Bayern registrierten DDR-Flüchtlingen sind nach Mitteilung der bayrischen Grenzpolizei in München mehr als 50 "aus persönlichen Beweggründen" in die DDR zurückgekehrt.

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4

Intendant Dr. Fritz Rodel und die Schauspielerin Marion van de Kamp für die Gewerkschaftsgruppe Schauspiel der Volksbühne Berlin haben dem ADN am Dienstag folgende Erklärung übermittelt:

"Als Gastgeber des Treffens von Theaterschaffenden der Hauptstadt zum 40. Jahrestag der DDR am 7.10.89 in der Volksbühne erklären wir: Die Teilnehmer dieses Treffens verständigten sich über ihre Forderungen und Vorschläge zu akuten gesellschaftlichen Problemen unseres Landes. Es wurde verabredet, ein nächstes Treffen durchzuführen. Die Zusammenkunft wurde um 14.30 Uhr mit Einverständnis aller Beteiligten beendet.

Die Behauptung eines Augenzeugen des RIAS, die am 8.10. mehrfach über den Sender ging, es sei ein Brief an Erich Honecker verabschiedet worden und die Versammlung sei durch die Sicherheitsorgane aufgelöst worden, ist frei erfunden. Wir weisen diese Einmischung in unsere Angelegenheiten entschieden zurück."
(Neue Zeit, Do. 12.10.1989)

In der St.-Georgen-Kirche in Halle beginnt eine Mahnwache für die einen Tag zuvor Festgenommenen. Da Autofahrer beim Vorbeifahren ihre Solidarität durch das Betätigen der Hupe bekunden, werden Hubverbotsschilder aufgestellt und Geldstrafen wegen hupens verhängt.

Das Kontakttelefon im Büro der Gethsemanekirchengemeinde in Berlin ist ab diesem Tag durchgehend besetzt.

Stefan Hermlin sagt in einem Interview im BRD-Fernsehen: "Sie rufen zu Tausenden, das Wort wir bleiben hier. Und das ist für mich eine Erklärung für die DDR. Und ich halte es für schlimm, wenn solche Menschen niedergeknüppelt werden, oder wenn man solche Menschen nicht gewähren lässt."

In München teilt die bayerische Grenzpolizei mit, mehr als 50 DDR-Bürger sind aus persönlichen Gründen in die DDR zurückgekehrt.

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