Seit Montagnacht sind die 260 000 Beschäftigten der Deutschen Reichsbahn im Ausstand betroffen sind vor allem der Güter- und der Reisefernverkehr.
Die Forderungen der Eisenbahner: Kündigungsschutz und höhere Löhne. Die Gewerkschaft ist weiterhin gesprächsbereit.
Angebote der Regierung sind den Eisenbahnern bislang zu gering. Sie fragen: Sind wir weniger wert als unsere Kollegen im Westen Deutschlands?
Der Streik der Eisenbahner ist nach Meinung von Verkehrsminister Zimmermann (CSU) "durch nichts zu rechtfertigen".
(Tribüne, Di. 27.11.1990)
Jetzt geht es los!" sagte gestern Abend ein Sprecher der zentralen Streikleitung der Eisenbahner kurz vor 19 Uhr. Also doch Streik! Die Ungewissheit bei Berlins Eisenbahnern, wann was wie passiert, war beendet. Der D 340 nach Hannover, der um 17.58 aus dem Bahnhof Friedrichstraße rollen sollte, bekam kein Grün". Die Züge aus dem Osten blieben auf dem Hauptbahnhof stehen, für die aus Richtung Westen war am Zoo "Rot". Nichts rollte mehr.
19 Uhr, Friedrichstraße, Fernbahnhof: Vor dem Aufsichtshäuschen drängen sich die Reisenden, einige haben es sich in den Abteilen bequem gemacht.
Diensthabender Karl-Heinz Bösel ist sauer: "Wir sind vollkommen überrascht worden. Wir können nichts weiter tun als den Reisenden erst mal Ausweichmöglichkeiten anzubieten, sie um Verständnis zu bitten und ihre Fahrkarten gültig zu stempeln. Mehrere Kollegen sind hier im Einsatz, um zu argumentieren, können aber den Reisenden keine konkreten Auskünfte geben. Der Zug bleibt erst mal so lange stehen, bis wir von der Streikleitung wieder mal was hören. Wir sind die Prügelknaben hier draußen".
Ziemlich hilflos sitzt Gabi Mühlhausen im Mitropa-Wagen, neben ihr im Sportwagen die elf Monate alte Marie. "Ich weiß nicht, wo und wie wir die Nacht verbringen sollen. Vielleicht hier im Abteil? Ich hab' ja nichts gegen die Eisenbahner und ihre Forderungen, aber für entsprechende Ausweichvarianten hätte auf alle Fälle gesorgt werden müssen."
Tino Sauer lässt sich seine Fahrkarte abstempeln, um sein Geld zurück zu bekommen. "Kann ich ja alles verstehen, doch ich kriege morgen früh den Ärger mit meiner Firma in Hannover."
Ähnliche Szenen spielten sich am Abend auf dem Hauptbahnhof [heute Ostbahnhof] und am Zoologischen Garten ab. Der Fernverkehr zwischen dem Gebiet der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik ruhte seit 18 Uhr. Bei der Urabstimmung in Berlin hatten sich 98,6 Prozent für den Streik ausgesprochen, es geht um höhere Löhne und gegen Massenentlassungen. Für heute und möglicherweise auch für die nächsten Tage muss im Osten Deutschlands mit erheblichen Behinderungen im Bahnverkehr gerechnet werden.
Berlins innerstädtischer S-Bahn-Verkehr war gestern Abend noch nicht betroffen und soll, wie uns mehrere Fahrdienstleiter versicherten, vorerst vom Streik verschont bleiben. Die U-Bahn fährt auf jeden Fall, wie der Busverkehr wird sie nicht von der Deutschen Reichsbahn betrieben.
Gestern am Nachmittag herrschte auf allen drei innerstädtischen Fernbahnhöfen pure Ratlosigkeit. "Bisher haben wir kein Konzept, wie im Falle einer Bestreikung des Hauptbahnhofs die Abfertigung der zehn internationalen Fernbahnlinien, der 20 nationalen Züge und des S-Bahn Verkehrs erfolgen soll", hieß es auf dem Hauptbahnhof. Reisende, die wir fragten, äußerte (am Nachmittag) Verständnis". Die Einkommensunterschiede zwischen Ost und West sind zu groß. Nur, wo soll das Geld herkommen? sagt Frau Schmöckel aus Berlin, und eine Eisenbahnerfamilie aus Frankfurt/Main äußert sich ähnlich.
Auf Flugblättern wurden am Abend die Reisenden um Verständnis für den Arbeitskampf gebeten. Die Eisenbahner wollten sich bei ihren Forderungen nicht länger hinhalten lassen, heißt es. Ein Anruf auf dem Flughafen Tegel ergab, dass bis gestern Abend noch kein "Flug-Boom" erkennbar war - aber das wird sich wohl sehr schnell ändern.
Elke Kübler/Lo.
(Der Morgen, Mo. 26.11.1990)