DDR 1989/90Brandenburger Tor


Mo. 25. September 1989


Bärbel Bohley und Jutta Seidel vom Neuen Forum wird im Innenministerium der DDR mitgeteilt, dass "der Antrag auf Zulassung der Vereinigung abgelehnt wird". Als Begründung wird angegeben, es bestehe keine gesellschaftliche Notwendigkeit für eine derartige Vereinigung.

In Leipzig demonstrieren nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche 5 000 bis 8 000 Menschen. Sie fordern Reformen in der DDR und Zulassung des Neuen Forum. Die Ausreisewilligen stellen zum ersten Mal eine verschwindende Minderheit der Demonstranten. Ein knappes Dutzend Teilnehmer wird vorläufig festgenommen.

Auf dem Gelände der Prager BRD-Botschaft halten sich fast 900 ausreisewillige DDR-Bürger auf, darunter etwa 200 Kinder. Die ständige Zunahme der Ausreisewilligen an diesem Ort erklärt sich unter anderem aus verschärften Kontrollen der ČSSR an ihrer Grenze zu Ungarn, durch die illegale Grenzübertritte von DDR-Bürgern zunehmend verhindert werden.

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4

Die Luft in der Leipziger Nikolaikirche war zum Schneiden dick. Die Ausdünstung von 2 000 zusammengedrängten Menschen, deren Kleidung Gewittergüsse durchnässt hatten, erzeugte einen Brodem, der den Atem raubte. Und atemberaubend war auch das Geschehen vor und nach dem Friedensgebet in diesem evangelischen Gotteshaus, das sich als "offen für jedermann" erklärt. Am vergangenen Montag war Sankt Nikolai Ausgangspunkt der ersten lautstarken Protestdemonstration in der DDR seit Jahren, die von der Staatsmacht nicht unterdrückt wurde. Der Ruf aus Hunderten von jungen Kehlen "Freiheit für ein gutes Land" wurde nicht erstickt, auch nicht in der Vorhalle des Leipziger Hauptbahnhofes, den die Demonstranten nach der Andacht eine Viertelstunde lang blockierten.

(...)

Effektvoll stürmte die Menge die breite Betontreppe, die zu den Bahnsteigen hinaufführt und formierte sie zu einer riesigen Tribüne um. Dicht bei dicht standen sie dort wie in einem Amphitheater, und ihr rhythmisches Klatschen brauste durch die hochgewölbte Halle. Einer stimmte das Lied an, hunderte fielen ein, einer alten Frau in der langen Reihe vor den Fahrkartenschaltern knickten buchstäblich die Knie ein: "Völker hört die Signale...", die Internationale. Und danach: "We shall overcome". Als ein Bass versuchte, mit dem Deutschlandlied durchzukommen, ging er in Pfiffen unter.

Es mochten fünfzehn Minuten vergangen sein, als sich aus den Lautsprechern eine bahnamtliche Stimme krächzend bemerkbar machte: "Wir bitten Sie, die Vorhalle zu verlassen. Sie blockieren den Zugverkehr und anderen Bürgern die Heimfahrt." Nur einmal gesagt, und schon räumten die Demonstranten diszipliniert die Treppe und entschwanden durch die Portale ins Freie. Im Handumdrehen verloren sie sich im dichten Nebel: Leipziger Herbst 1989.
(Jochen Steinmayr in der Wochenzeitung DIE ZEIT, Fr. 29.09.1989)

Eine Delegation der SED-Bezirksleitung Dresden unter Leitung ihres 1. Sekretärs, Hans Modrow, Mitglied des ZK der SED, ist auf Einladung der baden-württembergischen SPD zu einem mehrtägigen Besuch in Stuttgart eingetroffen. Bei einer ersten Begegnung am Montag mit dem SPD-Landesvorsitzenden Ulrich Maurer und dem Fraktionsvorsitzenden im Landtag Dieter Spöri sprachen sich die Gesprächspartner für Besonnenheit und Ausgewogenheit in den Beziehungen zwischen BRD und DDR aus. Die Erhaltung, und Festigung des Friedens in Europa sei eines der wichtigsten Gesprächsthemen gewesen, wurde betont.

Auf dem viertägigen Besuchsprogramm stehen Gespräche mit weiteren Landespolitikern, darunter auch mit Ministerpräsident Lothar Späth, und mit Kommunalpolitikern sowie Besuche von wissenschaftlichen Einrichtungen und Industriebetrieben.

Nach dem Gespräch erklärte Hans Modrow auf Fragen von Journalisten, man müsse sich darüber im klaren sein, dass die beiden deutschen Staaten unumstößlich ein Ergebnis der Nachkriegszeit sind und auch bleiben werden. Immer dann, wenn es vernünftige Beziehungen gegeben habe, wie das zum Beispiel die Begegnung Erich Honeckers und Helmut Kohls gezeigt habe, hätten sie dem europäischen Haus gedient. Gefährdet werde es durch diejenigen, die von einem Deutschland in den Grenzen von 1937 träumen. Auf die Frage nach Reformen in der DDR erinnerte Hans Modrow daran, dass die DDR seit ihrer Existenz eine Politik der Reformen betreibe. Eine der wichtigsten sei die Bildungsreform gewesen, mit der man den faschistischen Ungeist aus den Schulen verjagt habe. Da und auf anderen Gebieten habe die BRD viele Reformen nachzuholen. Dieter Spöri betonte, die Gesprächspartner seien sich einig gewesen, dass der Dialog zwischen SPD und SED fortgesetzt werden sollte, weil dieser Dialog in der Vergangenheit sehr erfolgreich gewesen sei. Er habe viel zur Verbesserung des Verhältnisses der beiden deutschen Staaten beigetragen. Auch in einer weiteren Frage habe unter den Gesprächspartnern Übereinstimmung bestanden: dass es absolut töricht und sehr gefährlich sei, eine Wiedervereinigung in den Grenzen von 1937 anzustreben. Anschließend traf Hans Modrow mit dem Oberbürgermeister von Stuttgart, Manfred Rommel, und mit dem Generalintendanten des Württembergischen Staatstheaters, Prof. Wolfgang Gönnenwein, zusammen.
(Neues Deutschland, Di. 26.09.1989)

Nach Angaben des Malteser Hilfsdienstes aus Ungarn, sind Flüchtlinge, die von der ČSSR nach Ungarn durch die Donau schwimmen wollten, ertrunken.

Erich Honecker nimmt nach seiner Gallenoperation seine Amtsgeschäfte wieder auf.

Anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung der Volksrepublik China am 01.10. trifft eine Delegation aus der DDR unter Führung von Egon Krenz in Peking ein.

In Berlin trifft sich die Initiativgruppe des Demokratischen Aufbau.

In Berlin treffen sich Vertreter von verschieden Initiativen. Geklärt werden soll ihr Verhältnis zueinander und wie es weiter gehen soll. Die Vorstellungen über die Formen der zukünftigen Organisationen gehen weit auseinander. Hinzukommen noch persönliche Animositäten. Ein weiteres Treffen wird für den 04.10.1989 vereinbart.

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