Am Jahrestag des Runden Tisches erhielten Bärbel Bohley und Dr. Wolfgang Ullmann, stellvertretend für die Bürgerbewegungen in der DDR, den mit 10 000 DM dotierten Demokratie-Preis der "Blätter für deutsche und internationale Politik". Sie stifteten ihn, eingedenk des Einsatzes der Bürgerbewegungen für Minderheiten, den Menschen, die sich der Bildung der Ausländer unter uns widmen.
Bei der Preisverleihung verglich Prof. Dr. Walter Jens die Bewegungen mit David, der gegen Goliath kämpfte. David siegte sagte er, die Bürgerrechtsbewegung aber, Strukturelement der großen Wende, ist, so scheint es, unterlegen: Goliath kehrt in neuer Gestalt massiv auf die Bühne zurück und übernimmt wider die Macht, während David Harfe spielen darf: Sein Geschäft ist getan. Aber die Vision Jesu wurde am Kreuz nicht erledigt, sondern zum Leben erweckt. Die Utopie Rosa Luxemburgs vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz ist durch Stalin, Rakoczi, Mielke nicht erledigt, sondern wird die Tagesordnung auch künftig bestimmen.
Es gebe also keinen Anlass zur Resignation. Die von den Bürgerrechtlern praktizierte politische Kultur der Freundlichkeit, der Toleranz, des Einander-Dienens und nicht des Einander-Beherrschens, diese Kultur der Demokratie will im europäischen Deutschland ebenso eingemeindet sein wie der Verfassungsentwurf des Runden Tisches. Wir bleiben, sagte Prof. Jens, in der Schuld der Demokratiebewegung der DDR.
Bärbel Bohley sagte in ihrer Antwort, wer sich an den Runden Tisch setzte, habe vor dem eigenen Anspruch kapituliert, die Probleme des Landes allein lösen zu können. Er war die Regierungsform jener Zeit, und jetzt, kaum in der repräsentativen Demokratie lebend, haben wir diese schon als veränderungswürdig erkannt. Die Verstaatlichung der Gesellschaft, an der man in der DDR gelitten hat, gebe es auch im jetzigen Deutschland, nur habe sie andere Formen, sei raffinierter. Es gebe viele Verkrustungen aufzubrechen.
Der Runde Tisch, führte Dr. Wolfgang Ullmann aus, habe eine Perspektive eröffnet. Er habe sichtbar gemacht, dass Konzepte nicht von den alten Parteien kamen, sondern von den neuen Bewegungen. Der Runde Tisch gab den Blick frei auf das Ganze der Gesellschaft. Darauf musste jeder Teilnehmer den Blick richten, wollte er nicht wieder in politische Monologe verfallen. Wolfgang Ullmann setzte sich mit der Verleumdungskampagne auseinander, die in manchen Medien gegen Christa Wolf geführt wird. Das ist, sagte er, eine Beleidigung aller, die mit am Runden Tisch saßen, denn nicht von ungefähr wurde gerade sie damit beauftragt, die Präambel seines Verfassungsentwurfs zu schreiben.
GÜNTER FLEISCHMANN
(Der Morgen, Sa. 08.12.1990)