Bonn (ND-Nölte/ADN). Das Bonner Bundeskanzleramt war am späten Mittwochabend Schauplatz von Verhandlungen über eine neue Regierung der DDR. Zu einem "Arbeitsessen" trafen die Vorsitzenden der DDR-CDU, der DSU und des Demokratischen Aufbruchs, Lothar de Maizière, Hans-Wilhelm Ebeling und Rainer Eppelmann, mit BRD-Kanzler Helmut Kohl, Finanzminister Theo Waigel und CDU-Generalsekretär Volker Rühe zusammen.
Bei dem Union-Allianz-Spitzentreffen ging es laut dpa vor allem um Fragen der Koalitionsverhandlungen, einer Fraktionsgemeinschaft der Allianz-Parteien und um personelle Weichenstellungen.
Es komme darauf an, nach dem gemeinsamen Wahlerfolg" jetzt schnell neue Tatsachen, zu schaffen, erläuterte Volker Rühe vor Beginn der Gespräche der Presse. Er hatte die Partner aus der DDR tags zuvor von Berlin nach Bonn gebeten. Ein Schwerpunkt der Beratungen am Bonner Tisch sei die künftige Zusammenarbeit der DDR-Parteien in Regierung und Fraktion. "Unser Wunsch wäre hier, zu einem Höchstmaß an Gemeinsamkeit zu kommen." Rühe, der es als Ziel seiner Partei bezeichnete, in der DDR eine Regierung auf breiter Grundlage zu bilden, diffamierte die Verweigerungsstrategie" der Sozialdemokraten Ost als "Schlag gegen die Deutschen".
Während sich de Maizière den Journalisten mit der Bemerkung entzog: "Wir wollen jetzt nicht reden", äußerte Rainer Eppelmann die Erwartung, dass man durch das Gespräch mit Kohl „ein tüchtiges Stück" vorankommt. Intensive Überlegungen seien nötig, wie zwei deutsche Staaten zusammenwachsen. Auf der Tagesordnung stünden die Währungs- und Wirtschaftsunion, vor allem aber die Probleme der Koalitionsbildung in Berlin. Es gehe um Größe, Umfang und Bestandteile der Regierung. Der DA-Politiker räumte ein, die Allianz werde das nicht allein entscheiden können, da mussten auch Liberale und SPD mit entscheiden.
Nach Angaben aus Unionskreisen hofften Kohl und Waigel auf eine klare Aussage von de Maizière, ob er das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen werde. Die Bonner CDU gehe davon aus, dass er als Spitzenkandidat seiner Partei auch erster Anwärter auf dieses Amt sei.
Das Berlin-Bonner Spitzentreffen dauerte bei Redaktionsschluss hinter verschlossenen Türen noch an.
(Neues Deutschland, Do. 22.03.1990)
Bonn. Unmittelbar nach der Regierungsbildung in der DDR will die Deutsche Soziale Union den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach
Art. 23 des Grundgesetzes beantragen, kündigte DSU-Vorsitzender Hans-Wilhelm Ebeling in einem "Welt"-Interview an. Komme die Einheit in diesem Jahr, könne er sich bereits bei der nächsten Bundestagswahl einen gemeinsamen Urnengang denken. Beim Treffen der drei Allianz-Parteien mit Bundeskanzler Helmut Kohl heute in Bonn werde er darauf drängen. Ebeling räumte allerdings ein, es werde "ganz schwierig", die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit für die Anwendung des Artikels 23 zu erhalten.
(Neue Zeit, Mi. 21.03.1990)
Erstes Treffen im Kanzleramt in Bonn nach der Volkskammerwahl zwischen der BRD-Union und den Vertretern der "Allianzparteien". Die Frage ist, wer wird Ministerpräsident in der DDR. Nach einer Aussage von Helmut Kohl in seinen Erinnerungen 1990-1994 zeigte Lothar de Maizière wenig Begeisterung für das Amt. Rainer Eppelmann schlägt Manfred Stolpe vor, sollte Lothar de Maizière nicht wollen. Was Kohl gegen den Strich geht.
Helmut Kohl hätte gerne Hans-Wilhelm Ebeling als Innenminister gesehen. Lothar de Maizière "zeigte so gut wie kein Interesse an meinen Vorschlägen und Empfehlungen", beklagte Helmut Kohl.