Berlin (ND-Morgenstern). Der Arbeitslosenverband der DDR tritt nicht als Bittsteller auf, sondern als leidenschaftlicher Anwalt für das Menschenrecht auf Arbeit. Auf diesen Nenner brachte Klaus Grehn, seit Sonnabend der Vorsitzende des Geschäftsführenden Vorstandes, das Anliegen der am 2. März gegründeten Organisation. Hauptaussage auf der ersten Landeskonferenz in Berlin: Die Lage spitzt sich zu. Die 28 000 Bürger, die bislang Unterstützung auf den Arbeitsämtern beantragten, sind erst der Prolog einer Entwicklung, die machtvoll auf die DDR-Bevölkerung zukommt. Unterschiedlichste Schätzungen rechnen mit 1,5 bis 4 Millionen Arbeitslosen.
Besonders gefährdet sind derzeit Frauen, Jugendliche und Behinderte. Es deutet sich eine Verschiebung zu jüngeren Jahrgängen an. Alarmierend ist auch, dass von den 28 000 Anträgen auf Arbeitslosenunterstützung nur etwa ein Drittel positiv beantwortet wurde.
(Neues Deutschland, Mo. 02.04.1990)
Für die kommenden Wochen und Monate sieht Klaus Grehn eine dramatische Entwicklung voraus. Die geringe Konkurrenzfähigkeit vieler DDR-Betriebe, die bevorstehende Währungsunion mit ihren sozialen Folgen, Betriebsschließungen durch ökologische Erfordernisse wie zum Beispiel in der Braunkohle - all das wird ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit nach sich ziehen und vielfach sozialen Abstieg bedeuten. BRD-Berechnungen sagen 3,6 Millionen zeitweilige Arbeitslose bei uns voraus.
Viele Betriebe schieben derzeit ihre Verantwortung auf die Arbeitsämter ab. Die sind völlig überfordert. Psychologen, Sozialarbeiter fehlen. Oft bleibt für ein Gespräch mit einem Arbeitsuchenden nur eine Zeit von drei Minuten.
Die Adressaten dieser Problematik waren nur spärlich vertreten. Das Ministerium für Arbeit und Löhne war trotz Zusage gleich gar nicht gekommen. Von der zukünftigen Regierung fordert der Verband das Recht auf Arbeit, eine umfassende soziale Absicherung sowie Umschulungsstrategien.
Auch die Gewerkschaften waren angesprochen, weil sieh Arbeitslose vielfach von ihnen verlassen fühlen. Arbeitslose müssten gleichberechtigt einbezogen werden in gewerkschaftliche Aktivitäten, Rechte müssten gesichert werden. Eine erste Reaktion auf der Konferenz: Dem Arbeitslosenverband werden vom FDGB 1 Million Mark aus den von der FDJ zurückgegebenen Solidaritätsgeldern zur Verfügung gestellt. Ebenso Arbeitsräume und Schreibtechnik. Doch eine Trägerschaft des Dachverbandes kam nicht zustande.
Die Konferenz beschloss ein vorläufiges Programm und Statut und wählte den geschäftsführenden Vorstand. Als Vorsitzender wurde Dr. Klaus Grehn gewählt.
(Tribüne, Mo. 02.04.1990)
Berlin (ADN/ND). Steigende Tendenz bei Arbeitsuchenden und eine rückläufige Zahl freier Stellen kennzeichnen derzeit die Situation auf dem DDR-Arbeitsmarkt. Am heutigen Sonnabend treten Delegierte aus allen Bezirken in Berlin zur ersten Landeskonferenz des Arbeitslosenverbandes zusammen.
Nach Angaben des stellvertretenden Ministers für Arbeit und Löhne, Wolfgang Jahnel, haben bis Mitte März rund 28 000 Bürger bei den Ämtern für Arbeit feinen Antrag auf Gewährung staatlicher Unterstützung gestellt Mit 5 000 bis 6 000 neuen Anträgen binnen 14 Tagen ist die Tendenz steigend. Gleichzeitig ging die Zahl frei gemeldeter Stellen von 159 000 im Januar auf 117 000 per 16. März zurück. Jahnel verwies zugleich auf eine Trendwende gegenüber den Vormonaten. Der zunächst hohe Anteil der Hoch- und Fachschulkader sei auf 20 Prozent zurückgegangen und weiter rückläufig. Die Mehrzahl bildeten jetzt mit rund 54 Prozent Facharbeiter. Die meisten Anträge seien bisher in Berlin, Potsdam, Halle und Rostock gestellt worden. Hinzu komme die Diskrepanz zwischen meist höherer Ausbildung und Qualifikation der Arbeitsuchenden und dem Spektrum der angebotenen Stellen.
Nach Einführung der Marktwirtschaft in der DDR und damit verbundener Umstrukturierung werden unterschiedlichen Schätzungen von Experten aus dem In- und Ausland zufolge 1,2 Millionen oder sogar zwei Millionen Werktätige zumindest zeitweilig freigesetzt - zwischen 13 und 24 Prozent der Erwerbstätigen. Zu diesen Prognosen wollte sich der stellvertretende Minister nicht äußern. Fest stehe jedoch, dass die Zahl der Arbeitslosen in dem Maße steige, je schneller die Wirtschafts- und Währungsunion mit der BRD erfolge, ohne vorher Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit der DDR-Betriebe zu entwickeln. Umschulung und Weiterbildung seien ein ganz wichtiger Faktor bei dieser Leistungssteigerung.
Die jüngste Verordnung, soeben im Gesetzblatt veröffentlicht, legt Aufgaben, Rechte und Pflichten der Arbeitsämter und der Betriebe zur Sicherung des Rechts auf Arbeit fest Diese reichten bis zur Möglichkeit prophylaktischer Fortbildung, um Arbeitslosigkeit abzufangen. In allen Bezirken gebe es inzwischen Kataloge mit Bildungsangeboten, wie Wolfgang Jahnel sagte.
Aus Sicht des Ministeriums komme es jetzt vor allem darauf an, schnell exakte Angaben über Berufe und Qualifikationen zusammenzustellen, die unter marktwirtschaftlichen Bedingungen benötigt werden. Mit Unterstützung von Bildungseinrichtungen der BRD bemühe man sich zugleich um Entwicklung bestimmter Spezialrichtungen wie Finanz- und Steuerrecht, Marketing oder Arbeits- und Betriebsorganisation. Zweite Hauptaufgabe sei es, entsprechende Lehrkräfte für diese Aufgaben auszubilden.
(Neues Deutschland, Sa. 31.03.1990)
Die 1. Landeskonferenz des Arbeitslosenverbandes findet im Haus der Gewerkschaften in Berlin statt.