Berlin. BZ - André Mielke Willy Brandts Satz vom Zug der Vereinigung, unter dessen Räder niemand kommen dürfe, erfreut sich reger Nachnutzung. Aufgegriffen wurde er auch gestern im Westberliner DGB-Haus, als Gewerkschaftsfunktionäre West- und Ostberlins sowie der Randbezirke Frankfurt und Potsdam über die Bildung eines gewerkschaftlichen Regionalausschusses informierten. Schließlich befürchten sie einhellig, dass viele vor besagten National-Express geschubst werden könnten.
Da sprach der Berliner FDGB-Geschäftsführer Peter Strassenberger von den 17 000 Arbeitslosen seiner Stadt, da berichtete Westberlins DGB-Chef Michael Pagels von den Ängsten seiner Metaller, in der Branche ginge durch nun wegfallende Standortvorteile mittelfristig ein Drittel der Arbeitsplätze verloren.
Solches zu verhindern oder damit fertig zu werden, dazu ist der Regionalausschuss, dem sowohl Vertreter aller Einzelgewerkschaften als auch beider Dachverbände FDGB und DGB angehören, angetreten. Gemeinsam will man gegen Sozialabbau, Unternehmerwillkür, Schwarzarbeit, Spekulantentum vorgehen.
Das, obwohl aus DGB-Chefetagen vor Wochen noch der FDGB schlechte Wende-Noten erhielt. Doch mittlerweile, so Pagels, drohe der Ausverkauf sozialer Standards beiden deutschen Staaten massiv. Und "wir sind für große, starke Gewerkschaften, gegen Betriebsgewerkschaften und ähnliches".
Tatsächlich ist der FDGB im Kommen: erste Wiedereintritte, langsam steigende Mitgliederzahl. Auf Verhandlungen zu einer Legalisierung von Ost-West-Pendlerarbeit angesprochen, reagierten beide Seiten allergisch. DGB: "Verdrängungswettbewerb auf unserem Arbeitsmarkt, denn die Sache wäre eine Einbahnstraße." FDGB: "Wir brauchen jeden, und sei es nach einer Umschulung, bei uns im Lande!"
Die neue Gemeinsamkeit wird wohl am 1. Mai erstmals augenfällig, denn der Regionalausschuss will den Kampftag zu einem Gesamt-Berliner Ereignis machen. Ob auf dem Westberliner Platz der Republik oder im Lustgarten, das ist noch unklar.
(Berliner Zeitung, Di. 27.02.1990)
Seit gestern [26.02.] gibt es einen gewerkschaftlichen Regionalausschuss für den Großraum Berlin. Die Leiter der Geschäftsstellen des FDGB Berlin, Potsdam, Frankfurt (Oder) sowie des DGB, Landesbezirk Berlin, und der Industriegewerkschaften und Gewerkschaften unterzeichneten am Montag eine Vereinbarung über diese zeitweilige Einrichtung Auf einer Pressekonferenz im Westberliner DGB-Haus erläuterten die Leiter der Geschäftssteller die Aufgaben dieser Vereinigung. Neben der Verbesserung der Arbeits- und Lebenssituation und der sozialen Sicherung der Menschen in Berlin sehen, sie vor allem übergreifende Probleme im Vordergrund der Bemühungen. Verhinderung von Schwarzarbeit, die Koordinierung gewerkschaftlicher Interessenvertretung in Joint-venture-Unternehmen sowie der Aufbau starker, unabhängiger Gewerkschaften in Betrieben und der Gesellschaft stehen auf der gemeinsamen deutschen Tagesordnung.
Als symbolisches Zeichen für die Zusammenarbeit der Gewerkschafter steht eine gemeinsame Veranstaltung zum 1. Mai 1990 an. Soziale, ökologische und wirtschaftliche Probleme in Berlin und den angrenzenden Bezirken sollen im Interesse der Mitglieder beider Organisationen gelöst werden. Ein wichtiger Punkt ist dabei die steigende Arbeitslosigkeit in Westberlin und in der DDR. Hier gilt es, auch von den Erfahrungen des DGB im Arbeitskampf zu profitieren und mit den demokratisch gewählten Betriebsgewerkschaften zu arbeiten. Der Regionalausschuss besteht aus 16 Vorsitzenden der Gewerkschaften und Industriegewerkschaften der Bezirke Berlin, Potsdam und Frankfurt (Oder) und 16 Vorsitzenden der Gewerkschaften und Industriegewerkschaften des DGB. Landesbezirk Berlin, drei Vorsitzenden der Bezirksgeschäftsstellen des FDGB und dem Geschäftsführenden Landesbezirksvorstand des DGB, Landesbezirk Berlin.
Jan Schwalme
(Tribüne, Di. 27.02.1990)
Am Montag wurde auf einer Pressekonferenz im Westberliner DGB-Haus über die Bildung eines gewerkschaftlichen Regionalausschuss informiert: Die Vereinbarung darüber ist unterzeichnet, hieß es offiziell. Wir entnahmen daraus und schrieben es auch, dass dieser Ausschuss nun gegründet ist und arbeitet. Ein Anruf aus der Bezirksgeschäftsstelle Berlin des FDGB belehrte uns jedoch eines Besseren: Der Regionalausschuss soll erst gebildet werden.
(Tribüne, Mi. 28.02.1990)