DDR 1989/90Brandenburger Tor


Mo. 9. Oktober 1989


Nach dem inzwischen traditionellen Friedensgebet in mehreren Leipziger Kirchen kommt es in der Messestadt erneut zur Montagsdemonstration für demokratische Erneuerung in der DDR, an der rund 70 000 Menschen teilnehmen. In den Kirchen und über den Leipziger Stadtfunk wird ein Aufruf verlesen, der die Unterschriften von Generalmusikdirektor Prof. Kurt Masur, Gewandhauskapellmeister, dem Pfarrer Peter Zimmermann, dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange und der drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung Leipzig Roland Wötzel, Kurt Meyer und Jochen Pommert trägt. In dem Aufruf heißt es u. a.:

"(...) Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Lande. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. (...)"

An jenen Tag erinnert der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer später in einem Zeitungsinterview:

"Die Leute gingen mit der chinesischen Angst im Bauch auf die Straßen. Ich habe das erlebt in Leipzig. Wie war die Stadt belagert. Sie können sich das nicht vorstellen.

In dieser bedrohlichen Situation ist etwas Wunderbares passiert. Als nämlich drei der Kirche nahen Gruppen in Leipzig am 9. Oktober den Appell zur Gewaltlosigkeit verabschiedeten, der dann in den Kirchen verlesen worden ist. Leute, die jahrelang unter starker Bespitzelung und Bedrängung der Staatssicherheit standen, bekannten sich darin zu ihrer Angst, auch zu der Angst um die Uniformierten und mahnten: Gewalt löst keine Probleme, ist unmenschlich. Gewalt kann nicht das Zeichen einer neuen, besseren Gesellschaft sein."
(BZ 27./28.1.1990)


Laut dem emeritierten Soziologie-Professor, Karl-Dieter Opp, sei die Zahl von 70 000 Demonstranten am 09.10.1989 in Leipzig zu niedrig geschätzt. Nach seiner Zählung, Anzahl der Demonstranten pro Quadratmeter, ergibt sich eine Teilnehmerzahl zwischen 124 500 und 166 000.


In einer Zeitungsreportage wird über die Leipziger Demonstration u.a. berichtet:

"(...) 'Wir sind das Volk!' heisst die Parole des Tages, und für diesen Abend hat sich die Staatsgewalt entschieden, das Volk auch Volk sein zu lassen. Gerüchte kursieren zwar am Straßenrand: 'Ganz Leipzig ist abgesperrt.' 'Da vorn ist eine Bullensperre'. Aber erstmals seit den erstarkenden Demonstrationen der letzten Wochen hat sich die Polizei fast vollständig zurückgezogen und läßt die Demonstranten ungehindert die spontan eingeschlagene Route wählen.

Nur die grün uniformierten Betriebskampfgruppen stehen mit großem Aufgebot bereit. Bis in den späten Abend hinein werden ihre LKWs von Demonstranten umringt, die mit den 'Genossen' das Gespräch suchen. 'Mensch, ihr könnt doch nicht auf eure eigenen Kinder einprügeln!' heißt es immer wieder aus den Diskussionstrauben. 'Ihr wisst doch selber, was in den Betrieben alles schief läuft. Da muss doch was passieren.' Immer wieder an diesem Abend das Erstaunen über sich selbst: 'Mensch, das darf doch nicht wahr sein!' 'Das gibt's doch gar nicht! Nee, daran können die "nicht mehr vorbei!'

(...) Der Leipziger Aufruf der drei SED-Bezirkssekretäre, der wie von Geisterstimme im Halbstundentakt aus einem Lautsprecher hallt, bleibt zunächst beinahe unbeachtet. Erst als der Demonstrationszug nach eineinhalb Stunden erneut am Karl-Marx-Platz angelangt ist, strömen die Leute zusammen, hören gespannt zu, applaudieren. Als sich in Leipzig gegen 21 Uhr die bisher größte Demonstration auflöst, ist in den DDR-Medien von Dialog keine Spur. Wenn die Demonstranten bei ihrer Ankunft zu Hause den Fernseher angeschaltet haben, konnten sie in der Aktuellen Kamera erfahren, was sie in der realsozialistischen Wahrheitsfindung immer noch sind: 'antisozialistische Störer' und 'vom Westen ferngesteuerte Randalierer'."
(taz, 11.10.1989)

Der Dresdener Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer empfängt 20 Bürger der Stadt, die tags zuvor von Tausenden Demonstranten in der Stadt zu ihren Sprechern bestimmt worden waren. In ihrem Neun-Punkte-Programm wird u. a. gefordert: Klärung des gewaltsamen Vorgehens von Sicherheitskräften gegen Demonstranten am 8. Oktober, Gewährung von Meinungs-, Demonstrations- und Reisefreiheit, freie Wahlen, Zulassung des Neuen Forums. Berghofer sagt zu, die Forderungen zu prüfen und gegebenenfalls an höhere Stellen weiterzuleiten.

In der Berliner Gethsemanekirche verliest Bischof Gottfried Forck einen Appell führender Vertreter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, in dem die Führung der DDR aufgefordert wird, "Umfassend deutliche und glaubhafte Schritte einzuleiten, damit eine breite Übereinstimmung für eine demokratische und rechtsstaatliche sozialistische Perspektive der DDR gefunden wird".

In Halle wird eine Schweigesitze mit 2 000 Teilnehmern gewaltsam aufgelöst.

In Magdeburg demonstrieren mehrere tausend Menschen.


bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4


In Magdeburg versammeln sich mehrere tausend Menschen in und am Dom. Am Ende des Friedensgebets wird dazu aufgerufen keinen Anlass zum Eingreifen zu bieten und nachhause zu gehen. Zu einer Demonstration kommt es erst eine Woche später.


In der vom Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" am 26.02.1990 veröffentlichten Protokoll der Vernehmung Erich Honeckers vor der DDR-Generalstaatsanwaltschaft sagt Erich Honecker:

"In diesem Zusammenhang möchte ich darauf verweisen, dass ich in meiner Eigenschaft als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates befohlen habe, dass in Leipzig keine Schusswaffe angewandt wird.

Frage: Was veranlasste Sie zu solch einem Befehl?

Antwort: Ich wollte verhindern, dass es zur Anwendung der Schusswaffe kommt, falls ein einzelner Polizist die Nerven verliert oder unsere staatlichen Behörden angegriffen werden."

In Dresden kommt es zum erste Rathausgespräch zwischen der Gruppe der 20, dem Oberbürgermeister Berghofer und Vertreter von CDU, LDPD, NDPD und SED. Am Abend wird in vier Kirchen über die Ergebnisse der Gespräche unterrichtet.

Erklärung kirchlicher Amtsträger zu den Demonstrationen.

Alle Bürgerinnen und Bürger bitten wir dringend, ab sofort angstfrei Meinungsfreiheit auszuüben, damit das Gespräch über unsere Zukunft in Gang kommt.

Die Staatsführung der DDR bitten wir dringend, umgehend deutliche und glaubhafte Schritte einzuleiten, damit eine breite Übereinstimmung für eine demokratische rechtsstaatliche sozialistische Perspektive der DDR gefunden wird.

Die Ordnungs- und Sicherungskräfte bitten wir dringend, der Ungeduld kritischer Bürger, die sich auf den Straßen zeigt, mit größtmöglicher Zurückhaltung zu begegnen, damit nicht wiedergutzumachender Schaden vermieden wird.

Die beunruhigten Menschen unseres Landes bitten wir dringend, jetzt von allen nicht genehmigten Demonstrationen auf den Straßen abzusehen, damit die politisch Verantwortlichen nicht sagen können, sie ließen sich im Blick auf anstehende Veränderungen nicht unter Druck setzen.

Berlin 9. Oktober 1989

Auf dem Marktplatz vor der Marktplatzkirche in Halle versammeln sich die Menschen zu einer Kundgebung. Der Marktplatz wird am Abend mehrmals von der Polizei auch unter Gewaltanwendung geräumt. Zugeführte werden in die Kaserne der Transportpolizei gebracht.

Demonstriert wird in Lindow (Bezirk Potsdam).

Eberhard Aurich, Wilfried Poßner und Gerd Schulz vom Zentralrat der FDJ übergeben Erich Honecker eine Vorlage für das ZK der SED mit dem Titel "Einschätzungen der politischen Lage unter der Jugend - Schlussfolgerungen für die weitere Vorbereitung des XII. Parteitages der SED und des XIII. Parlaments der FDJ". "Ziel des Jugendverbandes darf nicht mehr Bildung und Erziehung der Jugend sein. Er darf nicht mehr - wie bisher - die Jugendlichen unterweisen, was sie zu tun und zu lassen haben. Die Mitglieder sind nicht für den Jugendverband, sondern der Jugendverband ist für die Mitglieder da."

In Wismar gründet sich eine Gruppe des Neuen Forum.

Im Magdeburger Dom berichtet Konrad Elmer über die Gründung der SDP zwei Tage zuvor. Interessierte an der SDP lädt er für den nächsten Tag zu einem Treffen in Niederndodeleben bei Markus Meckel ein.

In Neubrandenburg beginnt das 12. Nationale Festival Dokumentar- und Kurzfilm der DDR für Kino und Fernsehen.

Kommuniqué der Präsidiumssitzung des Kulturbundes der DDR

Protest gegen die Behinderung der Berichterstattung am 07. und 08. in Berlin durch staatliche Organe der DDR kommt von ARD, ZDF und Deutscher Presse Agentur. Den Protest Bundesregierung überbringt ihr Ständiger Vertreter bei der DDR, Franz Bertele.

In einer Mitteilung der SPD für die Presse heißt es u.a. "Angesichts der Gründung einer 'Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP)' begrüßen wir, dass in der DDR immer mehr Menschen ihre Stimme erheben, die sich ausdrücklich zur Friedenssicherung und den übrigen Prinzipien des demokratischen Sozialismus bekennen und dafür eintreten, diese Prinzipien in der DDR zu verwirklichen. Sie haben das aus eigenem Entschluss getan. Wir erklären uns mit ihnen solidarisch und ermutigen sie - ganz gleich in welchen Gruppen oder Formen sie sich zusammenfinden und organisieren. Die volle Entfaltung der Demokratie und des Pluralismus ist jedenfalls ohne eine starke Sozialdemokratie nicht denkbar."

Die erste Nummer des "telegraph" erscheint.

Auf dem Breitscheidplatz in Berlin-Charlottenburg findet eine Solidaritätskundgebung unter dem Motto "Für einen gewaltfreien Dialog in der DDR" statt.

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